Vom Klettern träumen

Seit längere Zeit führe ich ein Traumtagebuch. Ich versuche dabei immer am Morgen schnell den Traum oder Traumfragmente der vorhergehenden Nacht aufzuschreiben und zu skizzieren. Diese sind oft wüste Skribbles, die nur ich interpretieren kann. Manchmal nehme ich mir mehr Zeit und fertige etwas ausführlichere Skizzen an. Ich habe festgestellt, dass die Träume, die am häufigsten vorkommen, vom Klettern handeln.  Anbei ein paar davon:

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Bald bin ich oben im leichten Gelände. Doch das Seil läßt sich schwer nachziehen. Eine riesige Python hat sich um das Seil geschlungen. Mit letzter Kraft schaffe ich es zum Ausstieg.
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Ich seile mich in eine steile, mit Vegetation bewachsene Schlucht ab. Es geht ein starker Sturm. Oberhalb der Schlucht befindet sich eine Hochspannungsleitung. Ich habe Angst, dass der Wind die Seilenden in die Leitungen bläst.
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Ich irre mit meinem Kletterpartner (ist es Roland Maruna, ist es mein Sohn?) in einem hochalpinen Kar umher. Wir sind angeseilt. Es stürmt. Wir suchen nach etwas. Ist es ein Weg oder der Einstieg zu einer Kletterroute?
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Ich klettere am Meer. Dabei reiße ich einen Felsblock heraus und die ganze Wand bricht zusammen. Ich stürze mit den Felsen ins Wasser.
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Stürze, nachdem mir beim Abseilen der Umlenkhaken ausgebrochen ist, ins Leere. Das Seil, an dem ich mich abgeseilt hatte, ist mehrfach um meinen Arm geschlungen. Neben mir hängt ein rotes Seil. Wenn ich mich schnell dort einhängen kann bin ich gerettet.
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Die letzten Lichtstrahlen fallen über eine unendlich weite Landschaft aus Granitdömen. Es könnte Tuolumne Medows im Yosemite sein, mein Sehnsuchtsort. Ich stehe am Rande eines Abbruches und breite meine Arme aus. Ich fühle mich unendlich glücklich. Am Horizont erscheint das Zifferblatt einer Uhr. Jedoch die Zeiger werden schemenhaft von einer menschlichen Figur dargestellt. Wenn ich meine Arme bewege, bewegen sich die Arme des „Uhrmenschen“. Es muß ein mystisches Zeichen sein. Ich verstehe aber die Botschaft nicht.
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Wir klettern auf einem sturmumtosten Grat in Patagonien. Scharfkantige klare Granitformen und Eisschilder umgeben uns. Plötzlich tritt eine mystische Gestalt von einer der Felskulissen hervor. Sie sieht aus wie ein Zauberer, alles aber an ihr ist spitz, der Bart, die Augen und sie hat überlange Fingernägel, wie der Struwwelpeter. Es muss der Geist dieser Berge sein, der uns vor etwas warnen will!

Madeira Sketch

Erstarrte Lava, steil. Im Norden nebelgraue, schemenhafte Küstenkonturen. Meer und Himmel werden eins. Der Horizont weitet sich jedoch im Süden, wenn die Sonne die bunten Felskulissen anstrahlt. Orte, Häuser kleben an schroffen Flanken, In die Felsen gedrückte Legosteine. Brandung. Gischt hoch hinauf auf die Uferfelsen, tosend. Ins Meer eintauchen  eine Mutprobe für junge Männer. Nur wenige überwinden ihre Angst. Der wilde Osten, Ponta de Sao Laurenco, ein Felsfarbenrausch in Ocker und Grau, ein Standbild aus dem Film der Erderschaffung, als alles im Fluß war. Bergbrocken ohne Tal. Nur der türkise Atlantik umspielt die Sockel. Der dünne Finger, die Halbinsel, weist den Weg. Next Stop Marokko.

Sketches on site, teilweise mit Adobe Sketch nachbearbeitet.

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Once Upon a Climb!

James Skone – einer meiner Lehrmeister (Ein Posting von Walter Siebert).

Ich hatte heute, am dritten Tag des Jahres 2018, das Vergnügen, mit James eine gemütliche Jause zu verbringen.
Ich erinnere mich noch sehr genau, als ich ihn um 1975 das erste Mal sah: Am Peilstein führte er gerade die Teilnehmer eines Kletterkurses der UTA (Das war die Universitäts-Turnanstalt, heute heißt das USI – Universitäts-Sportinstitut. Man sagt, der damalige Direktor wollte es umbenennen, weil seine Frau es überdrüssig war, sagen zu müssen „Mein Mann ist in der Anstalt“).
Ich war jedenfalls von der Arbeit, die James mit Hingabe erfüllte, so inspiriert, dass ich beschloss, auch Bergführer zu werden.
James war Industriedesigner, und er ist der kreativste Mensch, den ich kenne. Eine Autofahrt mit ihm – sagen wir – von Wien ins Altmühltal ist eine Reise in eine unglaubliche Ideenwelt – es ist kein Sprudeln, es ist ein Schwall an Ideen, wo ich lernte, sämtliche Denklimits abzulegen.
Warum schreibe ich Altmühltal? Weil mich James 1981 zum berühmten Kletterertreffen in Konstein mitnahm, wo offiziell das Sportklettern aus der Taufe gehoben wurde und dazu Legenden wie John Bachar eingeladen waren. Ich war somit Dank James bei einigen geschichtsträchtigen Ereignissen. Er war zum Beispiel auch maßgeblich an der Entwicklung des Wasserfallkletterns beteiligt.

James und Erich Lackner bildeten ein unglaubliches Team: Die Ideenwelt von James und die Durchschlagskraft von Erich ließ am USI Wien eine alpine Methodik entstehen, die ihrer Zeit Jahre, wenn nicht Jahrzehnte voraus war. Als junger Bergführer begleitete ich Seilschafrten beim selbständigen Klettern, wo beide Schüler abwechselnd vorstiegen – üblich war damals aber: Der Bergführer steigt mit 2-3 Leuten am Seil vor, und das nennt man Kletterkurs.

Eines Tages kam er mit seltsamen Eisenteilen am schnürl vorbei, die er Klemmkeile nannte. Eine Revolution, vorher gabs ja nur Haken (auf der gesamten Vegetarierkante z.B. nur einen einzigen).
Er hatte die Dinger aus England, wo er einige Zeit gelebt hatte, mitgebracht. James stellte das z.B. so dar:

Damit waren Stürze als Seilerster nicht mehr unbedingt tödlich.
Bald hatte ich das Vergnügen, mit James zu klettern. Legendär waren unsere Ausflüge in den Sandstein: Hinter „Foast mit in Sandstaa“ verbarg sich ein Ausflug ins ungesicherte Unkletterbare. Hier im Bild mit seiner Frau Krista, muss Ende der 1970er gewesen sein ….

Ein einschneidendes Erlebnis war, daß ich bei einem Riss, der nicht einmal den obersten Schwierigkeitsgrad trug, nicht einmal vom Boden abhob – und das Ding war 60 Meter hoch mit einem einzigen Ring in der Mitte.
Der Turm heißt übrigens Rakev – „Sarg“.
In diesem fast 40 Jahre alten Super-8-Film sieht man James und mich im Sandstein.

Dass ich dann, motiviert intensiv Rissklettern trainierend, 8 Jahre später alle diese Risse geklettert bin, verdanke ich diesem denkwürdigen „Fail“, den es nicht gegeben hätte, hätte mich James nicht mitgenommen.

James hat die Kletterszene am Peilstein aufgemischt und einige Durchbrüche erzielt. Vorstöße in den 7ten Grad gingen auf sein Konto.
Dass dabei der Spaß nicht zu kurz kam, ist glaube ich auf dem Bild oben gut zu erkennen.
Ein Glanzstück finde ich immer noch den Pan Galactic Gargle Blaster. Hinter dem seltsamen Namen verbirgt sich die Wiener Antwort auf den Drogenkult im Camp 4 im Yosemite Valley:
Dort lasen die Kletterer Carlos Castaneda, rauchten sich ein und benannten ihre Erstbegehungen nach Castanedas Buchtiteln (Separate Reality, Tales of Power usw.). James` Antwort war: „Wir lesen den Hitch Hikers Guide to the Galaxy und ich nenne den ersten Achter am Peilstein nach dem Kultgetränk des Romans „Pan Galactic Gargle Blaster“. Weil wir nehmen keine Drogen sondern gehen zum Heurigen.“
James als Engländer konnte den Wiener Schmäh sehr treffend umsetzen.
Das waren nur ein paar Mosaikksteinchen des Einflusses, den James auf mich hatte. Ich war ja durchaus geprägt von der „Siegen oder Sterben“-Heroik. James gab mir einen deutlichen Schubs in eine Leichtigkeit, die mir sehr guttat.
Dafür und für alles, was ich von Dir gelernt habe, möchte ich mich mit diesem Artikel bedanken.

3.Januar 2018

walteraufreisen.blogspot.co.at

 

Engadin Sgraffito

 

 

Anstatt dem „Schnappschuss“ mit dem Handy oder dem digitalen Fotoapparat ziehe ich es oft vor mir ein Stück Welt mit schnellem Gekritzel zu schnappen. Oft habe ich nur wenige Minuten Zeit oder ist die Position zum Skizzieren so unbequem, dass es schnell gehen muss. Viele Zeichnung drücken das dann auch aus. Gelegentlich nehme ich mir dann aber auch Zeit und die Ausführungen sind dann genauer. Da ich mich im alpinen Gelände gerne sportlich bewege, entstehen manche Skizzen auch in kurzen Pausen beim schnellen Gehen, beim Mountainbiken oder, vor allem im Engadin beim Langlaufen (mit der gelegentlichen Verwendung von Schnee zum Malen). Vielleicht sind die Anforderungen mit dem Biathlon vergleichbar. Da geht es auch darum den Puls beim Schießen zu beruhigen. Beim zeichnerischen „Snapp“schießen ist es ähnlich.

Im Engadin verbrachte ich viele Sommer und Winterurlaube mit Krista. Im Sommer fasziniert uns vor allem das Klettern in den oft hoch gelegenen Klettergärten, wo die Zustiege weiter sind und wir uns daher meist alleine mitten in hochalpinen Bergen  bewegen. Auch im Winter sind wir gebannt von der Erhabenheit der Landschaft. Wenn das Skilanglaufen nicht in Skandinavien erfunden worden wäre, wäre es hier erfunden worden. Das breite Tal des Oberengadin mit den Seen und die Seitentäler mit den eindrucksvollen Panoramen der Drei- und Viertausender bleiben mir noch lange als Sehnsuchtsorte im Gedächtnis. Fast alle gezeigten Winterbilder habe ich direkt vom Loipenrand, auf meinen schmalen Bretteln stehend, gezeichnet.

Manche Bilder sind nicht besonders. Aber die meisten Bilder mit dem Handy auch nicht. Doch der Unterschied liegt darin, dass ich mich beim Zeichnen mit der Landschaft intensiv beschäftigen muss. Ich betrachte sie und übersetze meine Eindrücke in eine Linie in meinem Skizzenbuch. Jedes Mal, wenn ich später das Bild betrachte, erlebe ich den Moment des „draußen“ seins intensiv wieder, durch meine fokussierte vorhergehende Beschäftigung mit dem gezeichneten Ort. Nur wenige digitale Schnappschüsse sind dazu in der Lage.

Aber – nicht weitersagen – ich fotografiere auch gerne. Manchmal nütze ich die Fotos, um unvollständige Zeichnungen daheim dann fertig zu stellen. Die wahre Energie liegt aber im spontan gekritzelten Strich, oft schwerfällig und verkrampft durch die voran gegangene fordernde Bewegung. Diese Bilder verankern mich mit den Bergen.

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Aquarell und Schnee

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40 Jahre Lassingfall. Die erste Eiskletterroute in Österreich

Vor 40 Jahren wurde der erste winterlich vereiste Wasserfall in Österreich geklettert. Wahrscheinlich. Vielleicht war man schon früher in anderen Gebieten aktiv gewesen. Aber mir ist davon nichts bekannt. Streng gesehen könnte man sagen, dass das Gaisloch auf der Rax schon seit jeher im Winter mit Pickel und Steigeisen geklettert wurde. Das war aber noch im klassischen Stil mit Stufenschlagen und die Nutzung des Stahlseils. (Das Gaisloch ist im Sommer ein versicherter Steig). Auch begingen wir im selben Jahr vor dem Lassingfall eine direkte Variante des alten Gaislochsteiges, Soft Eis. Erich Lackner übernahm hier bravoriös das scharfe Ende des Seils. Aber wir bewegten uns noch immer an einem „traditionellen“ Ort. Es war Zeit für die Ausübung einer neuen Idee des Klettern auch neue Spielplätze zu suchen und ihr somit Flügeln zu verleihen.

Schwer war es anfangs geeignetes Gelände zu finden. Der Laie wird meinen, dass es ja in Österreich überall genügend Wasserfälle gibt, worin liegt den da das Problem? Also richtige WasserFÄLLE, wo das Wasser nur so herunter rauscht, bilden selten Eis. Das Eis, das wir brauchten, entstand durch die Kombination von langen Kälteperioden und kleinen Rinnsalen. Das nächste Problem war, dass ich, in Wien lebend, mich am falschen Ende der Alpen befand. In den Tauerntälern hätte es sicher Eis gegeben, aber das war für unsere ersten zaghaften Versuche zu weit weg.

Also wo? Hans Wohlschlager schlug vor den Lassingfall in den Ötschergräben einmal einen winterlichen Besuch abzustatten. Das war im Dezember 1977. Ich hielt anfangs nicht viel davon, wie gesagt: Lassing – fall, das klang nach richtigem Wasserfall, also wahrscheinlich war eh kein Eis zu erwarten. Von Wienerbruck aus wateten wir, Krista, Hans und ich im Schnee an der Abbruchkante der Gräben entlang. Es hatte in den Tagen davor viel geschneit. Ich war ahnungslos, konnte mich nicht orientieren. Wie sollten wir zu den Fällen gelangen? Zum Glück kannte sich Hans besser aus. Irgendwo ging es dann steil hinunter. Ich würde den Ort sicher nie wieder finden. In meinem Inneren begannen kleine Warnlämpchen aufzuleuchten. Viel Schnee, steil, da könnten wir schneller unten sein als vorgesehen – mit einer Lawine nämlich! Aber wir kamen wohlbehalten unten an. Ja, Hansi‘s Vermutungen hatten gestimmt, wir standen unterhalb des ersten Aufschwungs. Und der Wasserfall war vereist. Doch auch sehr verschneit. Die Eisbildung war, da noch früh im Jahr, eher oberflächlich und bestand aus Eisschilder und Eisröhren, wo darunter das Wasser rauschte. Aber die Kletterei war leicht, das Gelände nicht steil, so konnten wir stressfrei auch in dem matschigen Zeug klettern. Durch das dauernde Buddeln im Schnee, um zum Eis zu kommen und die gelegentliche Dusche von der, hinterm Eisvorhang sprudelnden, Erlauf, waren wir nach einiger Zeit ziemlich feucht und klamm. Es gab auch hier eine ungewöhnliche „alpine Gefahr“, die Gumpen, vom Wasserstrom erodierte, tiefe Felswannen. Mit Wasser gefüllt und mit einer dünnen Eisschicht bedeckt. Noch dazu bot sich das ebene Gelände dort als Standplatz an. Beim Canyoning im Sommer sicher ein Erlebnis, beim Eisklettern eine unfreiwillige Bademöglichkeit. Nach dem ersten Eisschild ging es dann von Gumpe zu Gumpe. Dazwischen immer kurze Eisaufschwünge oder kleine, leicht kletterbare Eissäulen. Einige Seillängen gingen in diesem Stil dahin, bis sich das Gelände zurücklehnt. Wir waren nass, die Seile gefroren und wie aus Stahl. Es war aber eine nette, spielerische Erfahrung gewesen. Nicht wie so mancher Adrenalintrip bei späteren Aktionen. Erst später dämmerte es mir, dass wir wahrscheinlich damit den ersten Schritt in eine neue Richtung des Österreichischen Bergsteigens getan hatten.

Jahre später war ich wieder am Einstieg des Lassingfalles gemeinsam mit Felix Kromer. Wir hatten gerade Kelvin Lethal auf der gegenüberliegenden Schluchtseite zum ersten Mal begangen. Die erste Eisroute, wo zwei Bohrhaken im Sommer gesetzte worden waren. Von Christian Enserer am Seil hängend im Duschbad. Diesmal war der Lassingfall solides Eis. Seilfrei stiegen wir hoch. Die Sonne schien, es war ein genussvolles Vergnügen nach der Schinderei im engen Spalt von Kelvin Lethal.

Der Lassingfall war tatsächlich ein Meilenstein im Klettern. Ein kleiner zwar nur, ein Steinchen, aber er motivierte uns zu mehr. Danach wurden wir von Route zu Route sicherer und dreister. Ich beging in den folgenden Jahren über 40 neue Eisrouten in allen erdenklichen Gegenden Österreichs (und eine in der Schweiz) mit verschiedenen Partnern. Viele davon wurden von mir nicht benannt oder dokumentiert. Die Erstbegehung des Glaspalasts in Klammstein mit Erich Lackner und Felix Kromer mit einem Biwak im Eis wurde 1980 vom ORF gefilmt. Damals waren wir noch Freaks, kaum von der übrigen Klettererwelt wahrgenommen. Es sollte noch einmal zehn Jahre dauern, bis, mit der bis dahin schon stark verbesserten Eisausrüstung mehr Leute im Eis kletterten. Jetzt ist es laut der Tourismuswerbung „Trendsport“ geworden.

 

 

Die erste Seillänge. Linkes Foto: Vor vierzig Jahren bei der Erstbegehung. Kletterer: James Skone, Pic: Hans Wohlschlager. Rechtes Foto: Ein paar Jahre später. Kletterer: Felix  Kromer, Pic: James Skone

 

Oberflächiges

Scheinbare Anstiegslinien, Seltsame Zeichen in der alpinen Landschaft, Kolorierte Ansichtskarten? Oder doch nur gekritzeltes Spiel mit Strukturen und Oberflächen.1F9C689C-F0F4-4A70-A158-7C64F2815E52A6F34862-1779-40B1-A15F-E373481460EE2EAEC449-5451-42AD-87B8-54354CE16E03

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Foto: Sonnblick Webcam
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Foto: Sonnblick Webcam

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Fotos, Fotomontagen und Interventionen: James G. Skone (Außer 2 Bilder von Sonnblick Webcam).

Rauhe Schale

Berghaut.

Scharf kantig, gut griffig, trittig, splittrig.

Zupfend, zerrend, reibend, schürfend.

Zoom in, zoom out,

Detail oder Totale,

Stein oder Google Kosmos,

Kreta Traum,

oberflächig.

Fotos: James G. Skone, Google Earth

Gebetsfahnen des Konsums

Auf den Pässen des Himalayas flattern bunte Buddhistische Gebetsfahnen. Laut Wikipedia „werden sie von den Gläubigen bis zur vollständigen Verwitterung dem Wind ausgesetzt, damit nach ihrer Überzeugung die Gebete dem Himmel zugetragen werden“. Sie gehören zum gewohnten Bild dieser Gebirgslandschaft.

gibt aber auch andere Fahnen, die auf der Welt in den Büschen in der freien Natur wehen, die „bis zur völligen Verwitterung dem Wind ausgesetzt werden. Diese Fahnen sind aus Plastik und das Ergebnis des unachtsamen Umgangs damit – weggeworfene Einkaufssäckchen und Verpackungsmüll. Anders als die Buddhistischen Stofffähnchen, verwittert Kunststoff kaum und wird daher noch lange flattern.

Welche Gebete jedoch „tragen sie dem Himmel zu?“  Worum sollte man in der Relgion des Konsumismus, deren Träger sie im wahrsten Sinne des Wortes sind, bitten? Um „mehr“, im Sinne dieser Geisteshaltung innewohnenden Maßlosigkeit?  Oder sind diese, mit den Bäumen und Büschen so verstrickten Zivilisationsfetzen, Mahnzeichen, gerade weil wir sie in der Natur so stark als Fremdkörper wahrnehmen?

Im Produktdesign ist das Thema „Abfall“ aber cool. Es macht Spaß und viele sehen es als kreative Herausforderung alle möglichen nicht mehr gebrauchten Dingen zu neuem Leben zu erwecken, indem man ihnen durch Designintervention eine neue Aufgabe gibt. Meist ist der Ausgangspunkt ein ästhetischer. Man erkennt in der Form eines Gegenstandes sein Potenzial für einen neuen Zweck. Man siehe z.B. was so alles aus alten PET Flaschen entstehen kann. Der wirkliche Sinn hinter diesem künstlerischen Handeln liegt jedoch darin, ein Bewußtsein für unseren Umgang mit Ressourcen zu schaffen.

So gesehen hat das Plastiksackerl im Dornenbusch eine mahnende Aufgabe zu erfüllen. Seine diesbezügliche symbolische Funktion kann daher auch Impuls für eine künstlerischen Interpretation sein.

Fotos von Kreta, 2017.  James G. Skone

 

 

 

 

 

Tags’n’Topos

Orte oder Objekte mit grafischen Zeichen zu versehen ist ein archaisches menschliches Bedürfnis, nicht nur der Ausdruck der urbanen Graffitiszene. Höhlenmalereien waren die ersten Formen der Darstellung menschlichen „da“- seins,  Schriftzeichen haben sich aus unserem Kommunikationsbedürfnis heraus entwickelt und Unternehmen nützen Logos als zur raschen Erkennbarkeit ihrer Produkte.  „Urban Writers“, die Graffitisprayer nennen die einfachen, schnell mit einem Filzstift auf eine Wand hingekritzelten, Zeichen „Tags“.
Grafische Routenbeschreibungen von Kletterrouten werden „Topos“ genannt. Wahrscheinlich kommt der Begriff von „Topografie“, also „Geländebeschreibung“. Ein Topo gibt detaillierten Aufschluss über Routenführung, Schwierigkeit und Sicherungsmöglichkeiten.
Mich interessiert jedoch das Topo als grafisches Zeichen, nämlich die Linie, die Spur oder die Kritzelei auf einem Foto oder Zeichnung.  Dabei ist ihre Funktion als Orientierungshilfe sekundär. In ihrer nunmehr sozusagen kletterzweckfreien Form wird sie zu einem „Tag“, zu einem spontan hingesetztem Zeichen, das mitteilt „hier“ gewesen zu sein. Jedoch nun ist es die ästhetische Qualität der Linie in Beziehung zum Bild, die zum Tragen kommt. Welcher Dialog entsteht zwischen dem „Tag“ und dem Wandfoto? Welche Geschichte erzählt das Bild?
Die folgenden Darstellungen berufen sich auf die Erschließung letzter weißer Flecken auf unseren Landkarten, nämlich die noch unbestiegenen Felswände. Kreta bietet dafür noch scheinbar unbegrenzte Möglichkeiten. Hier waren Krista und ich in den letzten Jahren aktiv. Es sind unbekannte Berge und unbenannte Wände, die wir erforschten. Die von uns erstmals begangenen Routen sind die Grundlage für die Tags. Sie sollen keinen Aufschluss über die Routenführung geben. Aber sie erzählen etwas über die Landschaft und unser Tun, ohne jedoch in den Bergen eine Spur zu hinterlassen und ohne Eroberungsanspruch.

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Fotos: James und Kristina Skone; Tags mit Adobe Sketch ausgeführt. Copyright: James G. Skone

Psst! Kraxeln im verbotenen Wald (2015)

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Wie Diebe schleichen Hans und ich am Haus vorbei. Von Jägern sollten wir hier nicht gesehen werden. Flüsternd diskutieren wir über den möglichen Einstieg.
Ein magisches Zeichen scheint uns den Weg zu weisen. Gekreuzte Äste, das könnte den Routenbeginn andeuten. Ich komme mir vor wie ein Darsteller im „Blair Witch Project“, dem Horrorfilm vor vielen Jahren, wo einer Gruppe Amerikanischer Studenten im Wald das Fürchten gelehrt wird. Wird es weitere Zeichen geben, die uns den Weg weisen? Wir sind topo-los unterwegs, auch mit der Absicht, den Weg selbst zu bestimmen. Felsbildungen und Gehstrecken werden einander abwechseln. Nun klettern wir über den ersten Grat. Da die Route eine leichte Kraxelei sein sollte, haben wir nur ein kurzes Seil und ein paar Standbandschlingen mitgenommen. Gleich der erste Grataufschwung lockt mich an die Kante zu klettern. Ich muss mich aber selbst zurückpfeifen, da Bruch und null Sicherungsmöglichkeit der Sache eine zu ernste Note geben. Die Idee kann ein andermal realisiert werden.
Föhrenwald, alte knorrige Bäume, weißgraue Felsen, Schuttpassagen mit Bockerlkugellager und Föhrennadelgleitmittel. Aber insgesamt nicht störend. Da es aus verständlichen Gründen (Stichwort „Jäger“) zu diesem Anstieg keine Beschreibung gibt, fühlen wir uns um 100 Jahre zeitversetzt, wie Kletterer der ersten Stunde, als das Auskundschaften einer leichten Route noch Abenteuer war. Auch wenn es nur auf einem unbedeutenden Waldhügel in der Nähe von Wien erfolgt.
In unserem Eifer übersehen wir dabei auch das Steigbuch (das gibt es aber schon, anscheinend besteht auch hier Meldepflicht). Es ist ein Ort voller Widersprüche. Obwohl eine stark befahrene Straße direkt unter uns liegt, fühlen wir uns alleine, sozusagen bergeinsam am Straßenrand. Aber vielleicht liegt es gerade an diesem Verkehrsweg und dem Mangel an Wanderwegen, dass hier eine Art Freiraum entstanden ist. Daher akzeptiere ich auch den LKW Tinitus, das Brummrauschen vorbeifahrender Fahrzeuge. Wir aber sind geräuschlos. Es gibt keine Seilkommandos. Sparsam gesetzte Steinmännchen und das gelegentliche diskrete rote Pünktchen bestätigen unseren Routensinn. Aber die Lust unseren eigenen Weg zu finden bleibt aufrecht, immer wieder entdecken wir neue Klettervarianten, die mangels Sicherungsmöglichkeiten (außer über Bäume), uns mit der alpinen Gefahr kokettieren lassen. Unser Sicherungsstil ist also maximal „mobil“. Und das Steigen auf dem maiwarmen Fels die Erfüllung unserer Wintersehnsucht. Harz klebt auf meinen Fingern. Sonne und Föhren spielen Schattenspiele, werfen dunkle Konturen auf den bleichen Kalk. Die sanfte grüngraue Welt wird im Tagesverlauf zunehmend härter, ausgeprägter, schwarzweiß. Gegenüber am Hang unter uns die klassische Bildidylle – ein Kirchlein inmitten bewaldeter Berge.
Die Gehpassagen nehmen zu. Weiter nun weglos hinauf, steil, lang und mühevoll. Ein
langer Abstieg steht uns bevor – hätten wir doch vorher die Landkarte studiert! Forstwege, Traktorspuren, schuttbedeckte Wiesen und zum Schluss sozusagen dann durch Nachbars Garten.

Insgesamt ein kleiner alpiner Regelverstoß also. Auf einer geheimen Route im verbotenen Wald Spuren unserer Vorgänger suchen und einen eigenen Weg finden. In aller Stille, abseits des alpinen Mainstreams. Wie damals, als Klettern noch nicht cool war und die Kletterer Freaks jenseits aller gesellschaftlichen Normen.