Gebetsfahnen des Konsums

Auf den Pässen des Himalayas flattern bunte Buddhistische Gebetsfahnen. Laut Wikipedia „werden sie von den Gläubigen bis zur vollständigen Verwitterung dem Wind ausgesetzt, damit nach ihrer Überzeugung die Gebete dem Himmel zugetragen werden“. Sie gehören zum gewohnten Bild dieser Gebirgslandschaft.

gibt aber auch andere Fahnen, die auf der Welt in den Büschen in der freien Natur wehen, die „bis zur völligen Verwitterung dem Wind ausgesetzt werden. Diese Fahnen sind aus Plastik und das Ergebnis des unachtsamen Umgangs damit – weggeworfene Einkaufssäckchen und Verpackungsmüll. Anders als die Buddhistischen Stofffähnchen, verwittert Kunststoff kaum und wird daher noch lange flattern.

Welche Gebete jedoch „tragen sie dem Himmel zu?“  Worum sollte man in der Relgion des Konsumismus, deren Träger sie im wahrsten Sinne des Wortes sind, bitten? Um „mehr“, im Sinne dieser Geisteshaltung innewohnenden Maßlosigkeit?  Oder sind diese, mit den Bäumen und Büschen so verstrickten Zivilisationsfetzen, Mahnzeichen, gerade weil wir sie in der Natur so stark als Fremdkörper wahrnehmen?

Im Produktdesign ist das Thema „Abfall“ aber cool. Es macht Spaß und viele sehen es als kreative Herausforderung alle möglichen nicht mehr gebrauchten Dingen zu neuem Leben zu erwecken, indem man ihnen durch Designintervention eine neue Aufgabe gibt. Meist ist der Ausgangspunkt ein ästhetischer. Man erkennt in der Form eines Gegenstandes sein Potenzial für einen neuen Zweck. Man siehe z.B. was so alles aus alten PET Flaschen entstehen kann. Der wirkliche Sinn hinter diesem künstlerischen Handeln liegt jedoch darin, ein Bewußtsein für unseren Umgang mit Ressourcen zu schaffen.

So gesehen hat das Plastiksackerl im Dornenbusch eine mahnende Aufgabe zu erfüllen. Seine diesbezügliche symbolische Funktion kann daher auch Impuls für eine künstlerischen Interpretation sein.

Fotos von Kreta, 2017.  James G. Skone

 

 

 

 

 

Tags’n’Topos

Orte oder Objekte mit grafischen Zeichen zu versehen ist ein archaisches menschliches Bedürfnis, nicht nur der Ausdruck der urbanen Graffitiszene. Höhlenmalereien waren die ersten Formen der Darstellung menschlichen „da“- seins,  Schriftzeichen haben sich aus unserem Kommunikationsbedürfnis heraus entwickelt und Unternehmen nützen Logos als zur raschen Erkennbarkeit ihrer Produkte.  „Urban Writers“, die Graffitisprayer nennen die einfachen, schnell mit einem Filzstift auf eine Wand hingekritzelten, Zeichen „Tags“.
Grafische Routenbeschreibungen von Kletterrouten werden „Topos“ genannt. Wahrscheinlich kommt der Begriff von „Topografie“, also „Geländebeschreibung“. Ein Topo gibt detaillierten Aufschluss über Routenführung, Schwierigkeit und Sicherungsmöglichkeiten.
Mich interessiert jedoch das Topo als grafisches Zeichen, nämlich die Linie, die Spur oder die Kritzelei auf einem Foto oder Zeichnung.  Dabei ist ihre Funktion als Orientierungshilfe sekundär. In ihrer nunmehr sozusagen kletterzweckfreien Form wird sie zu einem „Tag“, zu einem spontan hingesetztem Zeichen, das mitteilt „hier“ gewesen zu sein. Jedoch nun ist es die ästhetische Qualität der Linie in Beziehung zum Bild, die zum Tragen kommt. Welcher Dialog entsteht zwischen dem „Tag“ und dem Wandfoto? Welche Geschichte erzählt das Bild?
Die folgenden Darstellungen berufen sich auf die Erschließung letzter weißer Flecken auf unseren Landkarten, nämlich die noch unbestiegenen Felswände. Kreta bietet dafür noch scheinbar unbegrenzte Möglichkeiten. Hier waren Krista und ich in den letzten Jahren aktiv. Es sind unbekannte Berge und unbenannte Wände, die wir erforschten. Die von uns erstmals begangenen Routen sind die Grundlage für die Tags. Sie sollen keinen Aufschluss über die Routenführung geben. Aber sie erzählen etwas über die Landschaft und unser Tun, ohne jedoch in den Bergen eine Spur zu hinterlassen und ohne Eroberungsanspruch.

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Fotos: James und Kristina Skone; Tags mit Adobe Sketch ausgeführt. Copyright: James G. Skone

Psst! Kraxeln im verbotenen Wald (2015)

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Wie Diebe schleichen Hans und ich am Haus vorbei. Von Jägern sollten wir hier nicht gesehen werden. Flüsternd diskutieren wir über den möglichen Einstieg.
Ein magisches Zeichen scheint uns den Weg zu weisen. Gekreuzte Äste, das könnte den Routenbeginn andeuten. Ich komme mir vor wie ein Darsteller im „Blair Witch Project“, dem Horrorfilm vor vielen Jahren, wo einer Gruppe Amerikanischer Studenten im Wald das Fürchten gelehrt wird. Wird es weitere Zeichen geben, die uns den Weg weisen? Wir sind topo-los unterwegs, auch mit der Absicht, den Weg selbst zu bestimmen. Felsbildungen und Gehstrecken werden einander abwechseln. Nun klettern wir über den ersten Grat. Da die Route eine leichte Kraxelei sein sollte, haben wir nur ein kurzes Seil und ein paar Standbandschlingen mitgenommen. Gleich der erste Grataufschwung lockt mich an die Kante zu klettern. Ich muss mich aber selbst zurückpfeifen, da Bruch und null Sicherungsmöglichkeit der Sache eine zu ernste Note geben. Die Idee kann ein andermal realisiert werden.
Föhrenwald, alte knorrige Bäume, weißgraue Felsen, Schuttpassagen mit Bockerlkugellager und Föhrennadelgleitmittel. Aber insgesamt nicht störend. Da es aus verständlichen Gründen (Stichwort „Jäger“) zu diesem Anstieg keine Beschreibung gibt, fühlen wir uns um 100 Jahre zeitversetzt, wie Kletterer der ersten Stunde, als das Auskundschaften einer leichten Route noch Abenteuer war. Auch wenn es nur auf einem unbedeutenden Waldhügel in der Nähe von Wien erfolgt.
In unserem Eifer übersehen wir dabei auch das Steigbuch (das gibt es aber schon, anscheinend besteht auch hier Meldepflicht). Es ist ein Ort voller Widersprüche. Obwohl eine stark befahrene Straße direkt unter uns liegt, fühlen wir uns alleine, sozusagen bergeinsam am Straßenrand. Aber vielleicht liegt es gerade an diesem Verkehrsweg und dem Mangel an Wanderwegen, dass hier eine Art Freiraum entstanden ist. Daher akzeptiere ich auch den LKW Tinitus, das Brummrauschen vorbeifahrender Fahrzeuge. Wir aber sind geräuschlos. Es gibt keine Seilkommandos. Sparsam gesetzte Steinmännchen und das gelegentliche diskrete rote Pünktchen bestätigen unseren Routensinn. Aber die Lust unseren eigenen Weg zu finden bleibt aufrecht, immer wieder entdecken wir neue Klettervarianten, die mangels Sicherungsmöglichkeiten (außer über Bäume), uns mit der alpinen Gefahr kokettieren lassen. Unser Sicherungsstil ist also maximal „mobil“. Und das Steigen auf dem maiwarmen Fels die Erfüllung unserer Wintersehnsucht. Harz klebt auf meinen Fingern. Sonne und Föhren spielen Schattenspiele, werfen dunkle Konturen auf den bleichen Kalk. Die sanfte grüngraue Welt wird im Tagesverlauf zunehmend härter, ausgeprägter, schwarzweiß. Gegenüber am Hang unter uns die klassische Bildidylle – ein Kirchlein inmitten bewaldeter Berge.
Die Gehpassagen nehmen zu. Weiter nun weglos hinauf, steil, lang und mühevoll. Ein
langer Abstieg steht uns bevor – hätten wir doch vorher die Landkarte studiert! Forstwege, Traktorspuren, schuttbedeckte Wiesen und zum Schluss sozusagen dann durch Nachbars Garten.

Insgesamt ein kleiner alpiner Regelverstoß also. Auf einer geheimen Route im verbotenen Wald Spuren unserer Vorgänger suchen und einen eigenen Weg finden. In aller Stille, abseits des alpinen Mainstreams. Wie damals, als Klettern noch nicht cool war und die Kletterer Freaks jenseits aller gesellschaftlichen Normen.

Zeichen setzen

Bevor unser Kretischer Klettereausflug im Mai  nach einer Woche sein jähes Ende fand, kletterten wir noch einige neue Routen über Grate und  durch Wände. Anlaß das Thema „Topo“ aufzugreifen und grafisch damit zu experimentieren. Wie könnte ich eine Linienführung nicht als technische Beschreibung darstellen, sondern einen grafischen Dialog erstellen zwischen einem Wandfoto und der Anstiegslinie. Die Ästhetik steht dabei im Vordergrund, nicht die Exaktheit der Routenbeschreibung. Was bedeutet die Form der „Linie“?  Ist sie eine Zeichensetzung analog einem sogenannten „Tag“ in der Graffittiszene,  als kühne Übermalung ausgeführt, als geheimnsissvolle Kaligraphie oder bloß etwas spontan hingekritzeltens. Diesen Möglichkeitsraum möchte ich weiter untersuchen. Dazu habe ich auch einige Kletterfotos von Krista und mir und den so kryptisch dargestellten Routen beigefügt.

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Wildes Voutas

Samstag 06.05.17

Filmriss. Ausstieg aus der bisher gelebten Realität, hinein in ein persönliches Separate Reality. Aus der Euphorie, eine nahezu zum Klettern ideale, unbekannte Felslandschaft entdeckt zu haben („Die wilden Wände von Voutas“), wurde ein ernstes Abenteuer.

Ein trügerischer Griff, nur wenige Meter oberhalb des mit Blöcken durchsetzten Einstiegs, knackte ab, wie ein Keks, wie Windbäckerei. Konnte mich nicht halten, hatte links keinen Griff, wozu auch, es war eine leicht zu kletternde Platte, easy, seniorentauglich, ein Aufrichter bloß. Hatte sogar vorher noch zwei nebeneinander liegende Sanduhren gefädelt, aber bereits zu weit unten. Rutschen, dann mehr ein Sprung als ein Sturz, ohne Felsberührung. Dann ein Geräusch, wie wenn man in Zwieback beißt. Ich war unten. Kein lauter Schmerz, alles dumpf. Im Kopf jedoch „Alarm“, ich war im höchsten Erregungszustand. Check: Rechter Fuß scheinbar OK, linker Fuß, X- Fuß extrem, abwärts gebogen, nach innen weisend, ziemlich blutend. Komisch, dass was der Knöchel sein sollte, schien auf den Rist gedrehten worden zu sein. Krista´s Gesichtsausdruck war der Maßstab für den Ernst der Lage. Holzschnittartig, maskenhaft in seinen Zügen erstarrt, Ausdruck des Wechselspiels von Angst und Selbstkontrolle.

Nun eher automatisierte Handlungen, es wurde uns bewusst, wie sehr wir nun auf uns selbst angewiesen sein werden, da wir uns weit abseits von dem befanden, das man einigermaßen Zivilisation nennt, mitten in einer Landschaft aus schroffen Felsen und stacheliger, kniehoher Vegetation. Eine Ansammlung von ein paar Häusern, Voutas, lag einige Kilometer talabwärts, dort in der Nähe hatten wir unser Auto geparkt. Auf der gegenüberliegenden Talseite befand sich eine schmale Bergstraße, wo gelegentlich ein Auto fuhr, zu weit aber, um uns wahrzunehmen. Krista begann den blockigen, buschdurchsetzten Hang hochzusteigen, sie musste Hilfe holen. 100 m ober uns befand sich ein von einem Bulldozer ausgebaggerter Weg. Zuerst band sie zur Sicherheit meinen Unterschenkel mit einer Bandschlinge ab, um einem ev. starken Blutverlust vorzubeugen. Wer wird uns retten? Wie würden die Retter mich durch dieses unwegsame Gelände transportieren? Es gibt ja hier keine „Berg“Rettung. Jeder Meter, den ich meinen möglichen Rettern entgegenkommen würde, wäre gewonnene Zeit und ein verminderter Aufwand. Ich versuchte Krista nachzusteigen, und zu meiner Überraschung: es ging! Mit dem linken Knie aufstützen, mit dem rechten Fuß hochsteigen. Krista legte mir die Rucksäcke auf die Steine, damit ich darauf knien konnte. Die Landschaft zwang mich nun zu Boden, wie einen angeschlagenen Boxer. Ich wollte mich aber nicht auszählen lassen. Im flacheren Gelände musste ich ausschließlich auf Knien dahinrobben. Some pain (dumpf im Adrenalinrausch), some gain. Schwächewellen überrollten mich, dazu die Erkenntnis: „Das ist kein Film, kein böser Traum, sondern Realität!“ Sonne, heiß, ein Schluck Wasser, der Schwächefetzen zog vorbei. Flacher nun, nicht weit vom Weg. Ich hüpfte wie ein einbeiniges Känguru mit Kristas Hilfe zu einem Felsblock. Zum Glück hatte Krista mit ihrem Handy Kontakt zu unserem Freund und Hotelbesitzer Poly, ca. 10 km entfernt. Der meist ausgezeichnete Netzkontakt auch in völlig einsamen Gebieten in Kreta hatte uns vor Schlimmerem bewahrt. Poly kennt aber die Berge nicht. Krista beschrieb ihm detailliert unsere Position. Nach einer Stunde, nachdem er sich schon verfahren hatte, müht sich sein kleiner Renault über den Baggerweg.

Er kam alleine. Zum Glück hatte ich es mit Kristas Hilfe bis hinauf geschafft. Wieder wurde mir ins Bewusstsein gerufen: Hier in Kreta bist Du als Kletterer alleine, Du bist E I G E N V E R A N T W O R T L I C H! Passiert Dir was, dann kommt kein Hubschrauber, keine Bergrettung. Alle Entscheidungen, die du fällst, können deine Ideen in die Realität umsetzen, aber auch ernste Konsequenzen haben. Kreta ist Synonym für Strand, Sonne, Meer. Aber bereits wenige Kilometer von der Küste entfernt im Land, abseits der Touristenpfade, bewegt man sich in einer einsamen, schroffen Wildnis, wo man als Bergsteiger oder Kletterer noch Pionier ist. Das ist der Reiz an dem Abenteuer, das wir hier schon seit ein paar Jahren suchten.

Poly führte uns zu unserem Leihauto. Nun nach Chania ins Spital. Dort wurden wir schon erwartet. Ich bewunderte die Ruhe, mit der Krista die engen, kurvigen Bergstraßen fuhr. Es sollte noch zweieinhalb Stunden dauern, bis wir angekommen sind. Nur ja nicht die Schmerzen überhand nehmen lassen. Sie ließen sich nun nicht mehr verdrängen. Einige Zeit hatte ich das Gefühl, dass  mir noch meine Erfahrungen bei den ultralangen Laufbewerben ein wenig zugute kamen. Hier lebst Du ab einer gewissen Distanz auch mit Muskel- oder Gelenksschmerzen, die oft in Wellen kommen, ich lernte sie anzunehmen. Auch die Endorphine schwächen bei den Ultras vieles ab. So  versuchte ich nun ruhig meinen Zustand zu tolerieren, wissend, dass bald Hilfe da sein würde. Aber die dämpfende Wirkung des Schocks ließen nach, irgendwann begann ich die Kilometer zu zählen. Wie bei einem Lauf. Nur mehr … km bis ins Ziel. Wann kommt die nächste Kilometerangabe? Minuten wurden zu Stunden. Irgendwann waren wir da. Nun begann ein neues Kapitel. Ich trat in einen Tunnel ein, wo das Ende nicht sichtbar ist…

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Am Einstieg

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Am Grat

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Knackpunkt

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Kurz vorm Sturz. Habe gerade Sanduhren gefädelt. Von dort ging es dann diagonal nach rechts hinauf Richtung Kante. (Na ja, vielleicht war die Stelle doch mehr als 3). Die Kante habe ich nicht mehr erreicht.

Snow Mountain Man – Ein Wiener Bergtriathlon

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„Wenn i so ausschau wie der, dann her i zum Bergsteigen auf!“ überhörte ich den Wanderer seiner Frau zuflüstern, als ich an ihnen vorbeischlurfte. Laufen konnte man das nicht mehr nennen, was ich beim Baumgartnerhaus am Schneeberg simulierte. Ich konnte ihm das auch gar nicht übel nehmen. Ich war müde, hatte einen Tiefpunkt, war schon ca. acht Stunden unterwegs und wollte es unter zehn Stunden schaffen. Das Projekt: Einmal um das Wiener Gänsehäufl schwimmen, mit dem Rad über Schwechat und Rannersdorf einen großen Bogen um Wien machen und nach Puchberg am Schneeberg fahren. Von dort laufend an den Schienen der Zahnradbahn hinauf zur Bergstation und weiter zum Schneeberggipfel, sprich Fischerhütte. Eine Art Triathlon – Berglauf. Ein Snow Mountain Man als Abwandlung zum Iron Man. Ein selbst bestimmtes Ziel verfolgen, ohne Wettkampf mit anderen.

Die Distanz war natürlich nicht mit einem Iron Man zu vergleichbar, dafür machte der Höhenunterschied (ca. 2000m insgesamt mit all den Zwischensteigungen im „Radsplit“, wie es im Triathlon heißt) vieles wieder wett. Also: ca. 2,5 km Schwimmen, ca. 90-100km am Rad und ca. 10km Laufen (mehr oder weniger). Beim Iron Man bewältigt man dabei doch 3,8 Schwimmen, 180km Rad und 42km Laufen. Im Vorjahr 1997 hatte ich meinen ersten Triathlon über diese Distanz in Podersdorf bewältigt. Nun wollte ich einmal etwas anderes erleben, da kam mir die Idee mit dem Privattriathlon.

6. September 1998. Es war ein nasskalter Septembertag. Schneefall war auf ca. 2000m angesagt. Ich fuhr zeitig am Morgen zum Gänsehäufl und fand eine Zugangsstelle zum Wasser unter der Brücke, die zum Inselbad führt. Der Neoprenanzug hielt mich warm, vorerst zumindest. Als nicht besonders guter Schwimmer ist mein Kraulstil nicht sehr ökonomisch und ich brauche lang. Alleine zu schwimmen ist an einem warmen Sommertag ein Vergnügen, doch im trüben, vorherbstlich kalten Wasser eher energieraubend, physisch, wie mental. So zog ich an den verwaisten Stränden vorbei, die Sperrtonnen wiesen mir den Weg bis zum nächsten Schilfgürtel. Immer wieder galt es Zonen mit Schlingpflanzen zu durchschwimmen, eine nervtötende Rauferei mit der krakenähnlichen Vegetation. Da war noch der sprichwörtliche Weg mehr als das Ziel. Das Ziel, der Schneeberggipfel hätte genauso im Himalaya stehen können, so fernab erschien es mir. Noch eine scheinbare Utopie. Ich war im Triathlonmodus, Bergsteigen ein anderes Programm.

Endlich hatte die öde Planscherei ein Ende. Das Gänsehäufl war umrundet. Raus aus dem klammen Neoprenanzug. Mir war saukalt. Zitternd versuchte ich mich im Auto mit heißem Tee fit zu machen für die kommenden Stunden am Rad. Dazu brauchte ich zwanzig Minuten. Ich hatte mir eigentlich vorgenommen rasch, wie sonst auch in der Wechselzone die Kleidung zu wechseln und „hop-, hop-, hopauf“ aufs Rad zu springen und loszustrampeln. (Nein, eher zu versuchen nicht gleich auf der anderen Seite runter zu fallen, da der Gleichgewichtssinn nach dem Schwimmen oft durcheinander ist). Jetzt aber zog ich mir alles an, was ich finden konnte, ich wollte beim Radfahren nicht auskühlen und es ging los. Krista sollte das Auto später holen. Die Orientierung war mir auch nicht klar, ich musste mir den Weg teilweise noch suchen. Damals hatte ich noch kein GPS Gerät. Die Idee war es, nur auf Nebenstraßen zu fahren. Ich hatte mächtigen Respekt vor Hauptverkehrsstraßen und den LKWs. Die wollte ich vermeiden. In der Ebene verlief die Strecke über Schwechat, Achau, Trumau nach Piesting. Nun folgte eine „Bergwertung“, die ich unterschätzt hatte, nämlich hinauf nach Dreistetten. Dort angekommen war ich total leer. Zu wenig getrunken, zu wenig gegessen. Das Schöne an so einer Individualaufgabe ist aber, dass es dabei ja nicht um Minuten geht, sondern nur um ein selbst gestecktes Ziel. Dem einzigen, den ich Rechenschaft schuldig bin, bin ich selbst. Nun leistete ich mir ein kurze Pause und versuchte dem Körper die nötigen Kohlehydrate zu geben, indem ich eine Bäckerei aufsuchte. Diesmal wollte ich mich nicht mit den grauslichen Powergels und sonstigen nach Chemie schmeckendem, klebrigen Zeug ernähren. Nun war mein Ziel in eine erreichbare Dimension gerückt. Ich war weg von der Stadt, in den Bergen und hatte meine Identität gewechselt. War von einem Triathleten zu einem Bergsteiger geworden. Es war wie die Rückkehr in ein anderes, früheres Leben. Außerdem war die Sonne durchgekommen, die Stimmung war freundlicher geworden. Jedoch die Bergwertung am Rad war noch nicht zu Ende. Hinauf ging es nach Stollhof und weiter, immer auf und ab über Zweiersdorf nach Grünbach. Der Anstieg zum Grünbacher Sattel gab mir fast den Rest. Ich hatte ihn sehr unterschätzt, da ich hier vorher noch nie mit dem Rad unterwegs war.

Aber zur Einstimmung zum Laufen kam dann die herrliche Abfahrt nach Puchberg. Einmal nicht treten müssen, kurz nur. Ab nun nur mehr Laufen, Gehen. So wie beim Iron Man. Die letzten der 180km am Rad freut man sich schon aufs Laufen. Die Strecke ist zwar ein Marathon, aber endlich ist eine andere Bewegung gefragt, das Rad zwingt einen doch zu einer starren Haltung.

Das Rad und die Kleidung beim Bahnhof deponiert. Mir war warm geworden. Ich zog meine kurze Laufhose und Laufleibchen an. Zur Sicherheit noch eine dünne Windjacke umgebunden und nun ging es langsamen Laufschrittes Richtung Hengstsattel. Sehr zu meinem Erstaunen – es lief. Langsam zwar, aber ich konnte richtig laufen.

Nun war ich in meinem Metier. Ich wusste, dass ich es noch innerhalb der mir selbst vorgenommenen Zeit schaffen konnte. All die früheren 100km und 24Stunden Läufe gaben mir die Sicherheit, dass Fortbewegung auf zwei Beinen auch unter extremster Müdigkeit möglich ist, solange man sich nicht verletzt hat und die Schmerzen unerträglich sind. Aber auch da hilft der, vom Körper durch die Ausdauerleistung selbst produzierte Drogencocktail, vieles zu ertragen. So weit war ich noch nicht. Der Weg neben der Zahnradbahn ist meist flach genug, um lange im Laufschritt zu verbleiben. Steilere Abschnitte ging ich. Nun wurde ich doch müde. Beim Baumgartnerhaus sollte ich noch etwas trinken. Ich musste schon ziemlich grau ausgesehen haben, als ich den zuvor genannten Wanderern begegnet bin. Auf dem von dort hinauf führenden, steilen, latschenumrankten Weg zur Bergstation war vom Laufen nicht zu reden. Zumindest nicht für mich. Schnelles Gehen trieb den Puls schon auf maximale Höhe. Elisabethkirchlein, Bergstation, es war wieder kalt geworden, ein eisiger Wind pfiff mir über die nackten Schenkel. Nun konnte ich wieder laufen. Am Damböckhaus vorbei, den letzten Aufschwung zur Fischerhütte. Es hatte zu Graupeln begonnen. Oben – endlich. +4° am Thermometer der Fischerhütte. Meine Zeiteinschätzung hatte gestimmt. Ich hatte es gerade unter 10 Stunden geschafft. (Ca. 1.15h Schwimmen, 5h Rad und ca. 2.45h Laufen, der Rest waren Wechselzeiten und die Pause in Dreistetten).

Aber ich hatte ein Problem. Die letzte Bahn fuhr in einer halben Stunde talwärts! Also nun zum Abschluss noch mit müden Beinen ein flotter Abstieg. (Ich lief noch vom Damböckhaus zur Bergstation). Das allerletzte Problem stellte sich jedoch bei der Ankunft in Puchberg dar. Ich konnte mich nicht mehr von meinem Sitz erheben. Meine Beine waren erstarrt. Die Muskel wie festgefroren. Vorsichtig nur und langsam nahm ich eine aufrechte Position ein. Für die letzten Fahrgäste musste mein Anblick der Inbegriff bergsteigerischer Selbstüberschätzung gewesen sein. An so einem kalten Tag so leicht bekleidet auf den Schneeberg gehen. Geschieht ihm recht! Damals waren Bergläufer in Österreich noch Exoten.

Skizze: Schneeberg (James G. Skone)

Foto: 24 Stunden Benefizlauf Wörschach 1994 (Foto: Konrath Racing Team).