Wildes Voutas

Samstag 06.05.17

Filmriss. Ausstieg aus der bisher gelebten Realität, hinein in ein persönliches Separate Reality. Aus der Euphorie, eine nahezu zum Klettern ideale, unbekannte Felslandschaft entdeckt zu haben („Die wilden Wände von Voutas“), wurde ein ernstes Abenteuer.

Ein trügerischer Griff, nur wenige Meter oberhalb des mit Blöcken durchsetzten Einstiegs, knackte ab, wie ein Keks, wie Windbäckerei. Konnte mich nicht halten, hatte links keinen Griff, wozu auch, es war eine leicht zu kletternde Platte, easy, seniorentauglich, ein Aufrichter bloß. Hatte sogar vorher noch zwei nebeneinander liegende Sanduhren gefädelt, aber bereits zu weit unten. Rutschen, dann mehr ein Sprung als ein Sturz, ohne Felsberührung. Dann ein Geräusch, wie wenn man in Zwieback beißt. Ich war unten. Kein lauter Schmerz, alles dumpf. Im Kopf jedoch „Alarm“, ich war im höchsten Erregungszustand. Check: Rechter Fuß scheinbar OK, linker Fuß, X- Fuß extrem, abwärts gebogen, nach innen weisend, ziemlich blutend. Komisch, dass was der Knöchel sein sollte, schien auf den Rist gedrehten worden zu sein. Krista´s Gesichtsausdruck war der Maßstab für den Ernst der Lage. Holzschnittartig, maskenhaft in seinen Zügen erstarrt, Ausdruck des Wechselspiels von Angst und Selbstkontrolle.

Nun eher automatisierte Handlungen, es wurde uns bewusst, wie sehr wir nun auf uns selbst angewiesen sein werden, da wir uns weit abseits von dem befanden, das man einigermaßen Zivilisation nennt, mitten in einer Landschaft aus schroffen Felsen und stacheliger, kniehoher Vegetation. Eine Ansammlung von ein paar Häusern, Voutas, lag einige Kilometer talabwärts, dort in der Nähe hatten wir unser Auto geparkt. Auf der gegenüberliegenden Talseite befand sich eine schmale Bergstraße, wo gelegentlich ein Auto fuhr, zu weit aber, um uns wahrzunehmen. Krista begann den blockigen, buschdurchsetzten Hang hochzusteigen, sie musste Hilfe holen. 100 m ober uns befand sich ein von einem Bulldozer ausgebaggerter Weg. Zuerst band sie zur Sicherheit meinen Unterschenkel mit einer Bandschlinge ab, um einem ev. starken Blutverlust vorzubeugen. Wer wird uns retten? Wie würden die Retter mich durch dieses unwegsame Gelände transportieren? Es gibt ja hier keine „Berg“Rettung. Jeder Meter, den ich meinen möglichen Rettern entgegenkommen würde, wäre gewonnene Zeit und ein verminderter Aufwand. Ich versuchte Krista nachzusteigen, und zu meiner Überraschung: es ging! Mit dem linken Knie aufstützen, mit dem rechten Fuß hochsteigen. Krista legte mir die Rucksäcke auf die Steine, damit ich darauf knien konnte. Die Landschaft zwang mich nun zu Boden, wie einen angeschlagenen Boxer. Ich wollte mich aber nicht auszählen lassen. Im flacheren Gelände musste ich ausschließlich auf Knien dahinrobben. Some pain (dumpf im Adrenalinrausch), some gain. Schwächewellen überrollten mich, dazu die Erkenntnis: „Das ist kein Film, kein böser Traum, sondern Realität!“ Sonne, heiß, ein Schluck Wasser, der Schwächefetzen zog vorbei. Flacher nun, nicht weit vom Weg. Ich hüpfte wie ein einbeiniges Känguru mit Kristas Hilfe zu einem Felsblock. Zum Glück hatte Krista mit ihrem Handy Kontakt zu unserem Freund und Hotelbesitzer Poly, ca. 10 km entfernt. Der meist ausgezeichnete Netzkontakt auch in völlig einsamen Gebieten in Kreta hatte uns vor Schlimmerem bewahrt. Poly kennt aber die Berge nicht. Krista beschrieb ihm detailliert unsere Position. Nach einer Stunde, nachdem er sich schon verfahren hatte, müht sich sein kleiner Renault über den Baggerweg.

Er kam alleine. Zum Glück hatte ich es mit Kristas Hilfe bis hinauf geschafft. Wieder wurde mir ins Bewusstsein gerufen: Hier in Kreta bist Du als Kletterer alleine, Du bist E I G E N V E R A N T W O R T L I C H! Passiert Dir was, dann kommt kein Hubschrauber, keine Bergrettung. Alle Entscheidungen, die du fällst, können deine Ideen in die Realität umsetzen, aber auch ernste Konsequenzen haben. Kreta ist Synonym für Strand, Sonne, Meer. Aber bereits wenige Kilometer von der Küste entfernt im Land, abseits der Touristenpfade, bewegt man sich in einer einsamen, schroffen Wildnis, wo man als Bergsteiger oder Kletterer noch Pionier ist. Das ist der Reiz an dem Abenteuer, das wir hier schon seit ein paar Jahren suchten.

Poly führte uns zu unserem Leihauto. Nun nach Chania ins Spital. Dort wurden wir schon erwartet. Ich bewunderte die Ruhe, mit der Krista die engen, kurvigen Bergstraßen fuhr. Es sollte noch zweieinhalb Stunden dauern, bis wir angekommen sind. Nur ja nicht die Schmerzen überhand nehmen lassen. Sie ließen sich nun nicht mehr verdrängen. Einige Zeit hatte ich das Gefühl, dass  mir noch meine Erfahrungen bei den ultralangen Laufbewerben ein wenig zugute kamen. Hier lebst Du ab einer gewissen Distanz auch mit Muskel- oder Gelenksschmerzen, die oft in Wellen kommen, ich lernte sie anzunehmen. Auch die Endorphine schwächen bei den Ultras vieles ab. So  versuchte ich nun ruhig meinen Zustand zu tolerieren, wissend, dass bald Hilfe da sein würde. Aber die dämpfende Wirkung des Schocks ließen nach, irgendwann begann ich die Kilometer zu zählen. Wie bei einem Lauf. Nur mehr … km bis ins Ziel. Wann kommt die nächste Kilometerangabe? Minuten wurden zu Stunden. Irgendwann waren wir da. Nun begann ein neues Kapitel. Ich trat in einen Tunnel ein, wo das Ende nicht sichtbar ist…

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Am Einstieg

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Am Grat

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Knackpunkt

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Kurz vorm Sturz. Habe gerade Sanduhren gefädelt. Von dort ging es dann diagonal nach rechts hinauf Richtung Kante. (Na ja, vielleicht war die Stelle doch mehr als 3). Die Kante habe ich nicht mehr erreicht.

Snow Mountain Man – Ein Wiener Bergtriathlon

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„Wenn i so ausschau wie der, dann her i zum Bergsteigen auf!“ überhörte ich den Wanderer seiner Frau zuflüstern, als ich an ihnen vorbeischlurfte. Laufen konnte man das nicht mehr nennen, was ich beim Baumgartnerhaus am Schneeberg simulierte. Ich konnte ihm das auch gar nicht übel nehmen. Ich war müde, hatte einen Tiefpunkt, war schon ca. acht Stunden unterwegs und wollte es unter zehn Stunden schaffen. Das Projekt: Einmal um das Wiener Gänsehäufl schwimmen, mit dem Rad über Schwechat und Rannersdorf einen großen Bogen um Wien machen und nach Puchberg am Schneeberg fahren. Von dort laufend an den Schienen der Zahnradbahn hinauf zur Bergstation und weiter zum Schneeberggipfel, sprich Fischerhütte. Eine Art Triathlon – Berglauf. Ein Snow Mountain Man als Abwandlung zum Iron Man. Ein selbst bestimmtes Ziel verfolgen, ohne Wettkampf mit anderen.

Die Distanz war natürlich nicht mit einem Iron Man zu vergleichbar, dafür machte der Höhenunterschied (ca. 2000m insgesamt mit all den Zwischensteigungen im „Radsplit“, wie es im Triathlon heißt) vieles wieder wett. Also: ca. 2,5 km Schwimmen, ca. 90-100km am Rad und ca. 10km Laufen (mehr oder weniger). Beim Iron Man bewältigt man dabei doch 3,8 Schwimmen, 180km Rad und 42km Laufen. Im Vorjahr 1997 hatte ich meinen ersten Triathlon über diese Distanz in Podersdorf bewältigt. Nun wollte ich einmal etwas anderes erleben, da kam mir die Idee mit dem Privattriathlon.

6. September 1998. Es war ein nasskalter Septembertag. Schneefall war auf ca. 2000m angesagt. Ich fuhr zeitig am Morgen zum Gänsehäufl und fand eine Zugangsstelle zum Wasser unter der Brücke, die zum Inselbad führt. Der Neoprenanzug hielt mich warm, vorerst zumindest. Als nicht besonders guter Schwimmer ist mein Kraulstil nicht sehr ökonomisch und ich brauche lang. Alleine zu schwimmen ist an einem warmen Sommertag ein Vergnügen, doch im trüben, vorherbstlich kalten Wasser eher energieraubend, physisch, wie mental. So zog ich an den verwaisten Stränden vorbei, die Sperrtonnen wiesen mir den Weg bis zum nächsten Schilfgürtel. Immer wieder galt es Zonen mit Schlingpflanzen zu durchschwimmen, eine nervtötende Rauferei mit der krakenähnlichen Vegetation. Da war noch der sprichwörtliche Weg mehr als das Ziel. Das Ziel, der Schneeberggipfel hätte genauso im Himalaya stehen können, so fernab erschien es mir. Noch eine scheinbare Utopie. Ich war im Triathlonmodus, Bergsteigen ein anderes Programm.

Endlich hatte die öde Planscherei ein Ende. Das Gänsehäufl war umrundet. Raus aus dem klammen Neoprenanzug. Mir war saukalt. Zitternd versuchte ich mich im Auto mit heißem Tee fit zu machen für die kommenden Stunden am Rad. Dazu brauchte ich zwanzig Minuten. Ich hatte mir eigentlich vorgenommen rasch, wie sonst auch in der Wechselzone die Kleidung zu wechseln und „hop-, hop-, hopauf“ aufs Rad zu springen und loszustrampeln. (Nein, eher zu versuchen nicht gleich auf der anderen Seite runter zu fallen, da der Gleichgewichtssinn nach dem Schwimmen oft durcheinander ist). Jetzt aber zog ich mir alles an, was ich finden konnte, ich wollte beim Radfahren nicht auskühlen und es ging los. Krista sollte das Auto später holen. Die Orientierung war mir auch nicht klar, ich musste mir den Weg teilweise noch suchen. Damals hatte ich noch kein GPS Gerät. Die Idee war es, nur auf Nebenstraßen zu fahren. Ich hatte mächtigen Respekt vor Hauptverkehrsstraßen und den LKWs. Die wollte ich vermeiden. In der Ebene verlief die Strecke über Schwechat, Achau, Trumau nach Piesting. Nun folgte eine „Bergwertung“, die ich unterschätzt hatte, nämlich hinauf nach Dreistetten. Dort angekommen war ich total leer. Zu wenig getrunken, zu wenig gegessen. Das Schöne an so einer Individualaufgabe ist aber, dass es dabei ja nicht um Minuten geht, sondern nur um ein selbst gestecktes Ziel. Dem einzigen, den ich Rechenschaft schuldig bin, bin ich selbst. Nun leistete ich mir ein kurze Pause und versuchte dem Körper die nötigen Kohlehydrate zu geben, indem ich eine Bäckerei aufsuchte. Diesmal wollte ich mich nicht mit den grauslichen Powergels und sonstigen nach Chemie schmeckendem, klebrigen Zeug ernähren. Nun war mein Ziel in eine erreichbare Dimension gerückt. Ich war weg von der Stadt, in den Bergen und hatte meine Identität gewechselt. War von einem Triathleten zu einem Bergsteiger geworden. Es war wie die Rückkehr in ein anderes, früheres Leben. Außerdem war die Sonne durchgekommen, die Stimmung war freundlicher geworden. Jedoch die Bergwertung am Rad war noch nicht zu Ende. Hinauf ging es nach Stollhof und weiter, immer auf und ab über Zweiersdorf nach Grünbach. Der Anstieg zum Grünbacher Sattel gab mir fast den Rest. Ich hatte ihn sehr unterschätzt, da ich hier vorher noch nie mit dem Rad unterwegs war.

Aber zur Einstimmung zum Laufen kam dann die herrliche Abfahrt nach Puchberg. Einmal nicht treten müssen, kurz nur. Ab nun nur mehr Laufen, Gehen. So wie beim Iron Man. Die letzten der 180km am Rad freut man sich schon aufs Laufen. Die Strecke ist zwar ein Marathon, aber endlich ist eine andere Bewegung gefragt, das Rad zwingt einen doch zu einer starren Haltung.

Das Rad und die Kleidung beim Bahnhof deponiert. Mir war warm geworden. Ich zog meine kurze Laufhose und Laufleibchen an. Zur Sicherheit noch eine dünne Windjacke umgebunden und nun ging es langsamen Laufschrittes Richtung Hengstsattel. Sehr zu meinem Erstaunen – es lief. Langsam zwar, aber ich konnte richtig laufen.

Nun war ich in meinem Metier. Ich wusste, dass ich es noch innerhalb der mir selbst vorgenommenen Zeit schaffen konnte. All die früheren 100km und 24Stunden Läufe gaben mir die Sicherheit, dass Fortbewegung auf zwei Beinen auch unter extremster Müdigkeit möglich ist, solange man sich nicht verletzt hat und die Schmerzen unerträglich sind. Aber auch da hilft der, vom Körper durch die Ausdauerleistung selbst produzierte Drogencocktail, vieles zu ertragen. So weit war ich noch nicht. Der Weg neben der Zahnradbahn ist meist flach genug, um lange im Laufschritt zu verbleiben. Steilere Abschnitte ging ich. Nun wurde ich doch müde. Beim Baumgartnerhaus sollte ich noch etwas trinken. Ich musste schon ziemlich grau ausgesehen haben, als ich den zuvor genannten Wanderern begegnet bin. Auf dem von dort hinauf führenden, steilen, latschenumrankten Weg zur Bergstation war vom Laufen nicht zu reden. Zumindest nicht für mich. Schnelles Gehen trieb den Puls schon auf maximale Höhe. Elisabethkirchlein, Bergstation, es war wieder kalt geworden, ein eisiger Wind pfiff mir über die nackten Schenkel. Nun konnte ich wieder laufen. Am Damböckhaus vorbei, den letzten Aufschwung zur Fischerhütte. Es hatte zu Graupeln begonnen. Oben – endlich. +4° am Thermometer der Fischerhütte. Meine Zeiteinschätzung hatte gestimmt. Ich hatte es gerade unter 10 Stunden geschafft. (Ca. 1.15h Schwimmen, 5h Rad und ca. 2.45h Laufen, der Rest waren Wechselzeiten und die Pause in Dreistetten).

Aber ich hatte ein Problem. Die letzte Bahn fuhr in einer halben Stunde talwärts! Also nun zum Abschluss noch mit müden Beinen ein flotter Abstieg. (Ich lief noch vom Damböckhaus zur Bergstation). Das allerletzte Problem stellte sich jedoch bei der Ankunft in Puchberg dar. Ich konnte mich nicht mehr von meinem Sitz erheben. Meine Beine waren erstarrt. Die Muskel wie festgefroren. Vorsichtig nur und langsam nahm ich eine aufrechte Position ein. Für die letzten Fahrgäste musste mein Anblick der Inbegriff bergsteigerischer Selbstüberschätzung gewesen sein. An so einem kalten Tag so leicht bekleidet auf den Schneeberg gehen. Geschieht ihm recht! Damals waren Bergläufer in Österreich noch Exoten.

Skizze: Schneeberg (James G. Skone)

Foto: 24 Stunden Benefizlauf Wörschach 1994 (Foto: Konrath Racing Team).

Imaging Crete

Bilder, Szenen fügen sich zusammen und ergeben ein Storyboard für einen imaginären Film. Dabei führt die Sehnsucht Regie und bestimmt den Schnitt.

Beim Klettern in Südwestkreta bewegen wir uns wie Entdecker durch wilde Felslandschaften, offen für alles was uns zufällt. Unsere Wahrnehmung ist auf Weitwinkel eingestellt. Wir haben keine fixen Ziele, es gilt nichts zu erobern. Unser Klettermodus ist nicht die Bewältigung von Schwierigkeiten, wie es meist bei Erstbegehungen üblich ist.

Wir sind Gäste, wir wollen die Landschaft durch unser Eindringen nicht in Besitz nehmen. Dabei müssen wir uns orientieren, die Suche nach Wegen durch das Felslabyrinth nimmt alle unsere Sinne in Anspruch, auch wenn es der leichte Weg ist, dem wir folgen. Die Durchstiege, die wir meistern, sind nur für uns bedeutend, die Leistung höchstens im Sinne kreativen Denkens und Handelns von Wert. „Was wäre wenn“ (wir da durchklettern könnten), die maßgebende Frage. Meist stellen wir sie, wenn wir an der Küste oder in einer Schlucht an Wänden vorbeiwandern. Meist können wir dazu eine befriedigende Antwort finden, manchmal sind wir nicht willkommen und der Fels zeigt sich uns abweisend, brüchig oder schroff.

Ich möchte die Geschichten mit Bildern erzählen. Dabei suche ich nach einer neuen Sprache. Cut Ups von Fotos repräsentieren dabei das Fragmentarische, aus dem oft die Erinnerung zusammengesetzt zu sein scheint. Auch Größenverhältnisse spielen eine Rolle. Deswegen sind die Proportionen in den Bildern manchmal irreführend.

Die Wände sind oft in Wirklichkeit größer und höher oder kleiner und niedriger, als sie im Bild erscheinen. Aber die Darstellungen sind Ausdruck meiner Sehnsucht nach dem Kribbeln, das mich befällt, wenn ich neues entdecke oder begehe. Gleich einem Kind, das täglich die Welt entdeckt.

Text, Skizzen und Cut Ups: James G. Skone, Fotos: Kristina Skone, James G. Skone

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Die Fotomontage täuscht. Die Wand ist ca.50m hoch.

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Rock Writing

Fast jeder „Tag“ (Graffito Schriftzeichen) enthält die Eigenschaft sich damit Raum aneignen zu wollen. Ähnlich einem Wolfsrudel, das seinen Duft versprüht, nützten ursprünglich Straßenbanden „Tags“, um ihr Territorium zu markieren.

(Orig: Almost every tag contains an element that seeks to take possession of space. Similar to a pack of wolves spraying their scent, street gangs originally used tags to mark their territory. „Urban Caligraphy and Beyond“, Seite 17, Markus Mai, Arthur Remke, Verlag: Die Gestalten, Berlin 2003).

Graffiti ist nicht nur ein urbanes Phänomen. Zeichensetzung zur Territoriumsbestimmung ist eine uralte Kulturform. Es scheint ein tief verwurzeltes menschliches Bedürfnis zu sein, seiner Identität durch Markierungen unterschiedlichster Form Ausdruck zu verleihen.

In den Bergen, dabei beziehe ich mich vor allem auf den alpinen Raum in Österreich, befinden wir uns dabei in einer paradoxen Situation. Einerseits wollen wir die Natur möglichst unberührt erleben, anderseits markieren wir alle Pfade und Steiglein mit auffälligen, meist rot-weiß-roten Farbstreifen, damit wir in der wilden Natur nicht vom rechten Weg abkommen. Aber auch der Fels scheint für viele ein Ort zur grafischen Selbstdarstellung zu sein. Das zweckdienliche, vordergründige Argument dafür ist den Einstieg einer Kletterroute zu kennzeichnen. Aber handelt es sich hier nicht auch um mehr? Die Ähnlichkeit mit den „Tags“ des Großstadtdschungels drängen sich dabei auf. Markiert hier nicht der Erstbegeher oder die Routenerschließerin sein/ihr Territorium?„Unterwerfen“ sie damit nicht, wenn auch nur symbolisch, ein Stück Natur?

Nur, warum sollte uns das verwehrt sein? Wir befriedigen ja dabei unseren immanenten Forscher- und Erschließerdrang, wenn wir in einen der letzen Freiräume vordringen – steile, noch unerstiegene Felsen. Kreatives Handeln ist ein Urbedürfnis des Menschen. Das kann niemand unterbinden. Einen neuen Durchstieg zu (er)finden, zu planen und auszuführen, ist sowohl eine sportliche, wie eine kulturelle Leistung. Sie gibt Ausdruck über die aktuellen alpinen Spieregeln, dem Kletterkönnen, der Risikobereitschaft und den Stand der Sicherungstechnik.

Was mich neugierig macht ist die ästhetische Qualität und alpinhistorische Bedeutung dieser Einstiegszeichen.

Was sagen sie mir? Gerade die alten, verblassten Zeichen haben die Aura von Höhlenmalereien. Kaum noch dechiffrierbar geben sie Auskunft über eine frühere Epoche, deren Schwierigkeitsbewertungen und Namen. Der modrige Geruch von Hanfseilen liegt in der Luft. Alte Zeichen werden überlagert. Neue Namen, neue Routen, neue Zeichen sind Ausdruck von Generationsablösen. Von den alten bleiben nur mehr Spuren erhalten. Bald kann man sie nur mehr erahnen.

Es gibt ein paar ikonische Rock Graffito wie der Schriftzug „Kiselak“ (als eher touristischer Tag), das Midnight Lightning Logo auf einem Boulder im Sunnyside Camp im Yosemite und den roten Punkt von Kurt Albert mit dem er der Freeclimbing Bewegung der 1970er Jahre im deutschsprachigen Raum ein Symbol gab. Mich interessieren aber viel mehr die Orte der Sehnsüchte der Wiener Kletterer nach den großen Bergen. Die Felsen der so genannten Wiener Wald Kletterschulen. Abgeschmierte, vom Schweiß der Generationen polierte kleine Felsen unter dem Laubdach der Bäume.

Heute sind die zunehmend blasser werden Namen der schwer auffindbaren Waldmühle, oder Streberwände kaum noch zu erkennen. „Berger“, „Mephisto“, „Pongo Überhang“. Erinnerungen werden wach. Es steckten nirgendwo Haken. Gesichert wurde „von oben“, das Seil wurde einfach um einen der vielen Bäume geschlungen. Der „Seufzer“ war für mich als zwölfjähriger das Teststück. Irgendwann konnte ich den Quergang überlisten.

Ich erinnere mich an die regelmäßigen Sonntagswanderungen in den frühen 1960er Jahren mit Gleichgesinnten – wir waren fast noch Kinder – von einem Felsen zum nächsten. An den Schmäh, den ironisch-zynische Humor der älteren Kletterer in Verbindung mit dem runden Wiener Dialekt und das Understatement über ihre Leistungen (Es gab nur drei Schwierigkeitsgrade: leicht, „schwa“ und „dünn“). Dazu der Geruch von Balkantabak der billigen filterlosen Austria 3 oder „C“ Zigaretten. Alle Kletterer schienen damals zu rauchen. Wissbegierig fragten wir sie über Routen auf der Rax aus. Damals für uns das absolute Hochgebirge. Bald aber sollte dort das Weichtalhaus unsere zweite Heimat werden. Da dokumentierten wir stolz unsere Taten durch einen Eintrag im Tourenbuch der Naturfreundehütte. Unsere erste alpine Zeichensetzung.

Die Wand mit Wendelin

Aufstieg

 Bis weit hinaus Feldkaros in stumpfen Brauntönen und feinem grün, die Wintersaat geht auf. Landschaftsdesign entstanden aus bäuerlicher Planung. Der Horizont ein milchiges Verfließen der Konturen im spätherbstlichen Dunst. Himmel und Erde werden eins. Die Wand bildet heute einen wärmenden Reflektor der nun schüchtern gewordenen Sonne. Nur wenige hundert Meter landauswärts herrschen bereits Minusgrade. Klettern an diesem Ort, zu dieser Zeit bietet ein Spätherbstvergnügen für eingeweihte, denn an manchen Tagen, wenn in Wien Nebel herrscht, scheint auf der Hohen Wand die Sonne. Hemdsärmelig klettern kann man dann.

Dabei steigen wir mehr als klettern. Es ist ein ausklingen lassen. Das Jahr setzt sich zur Ruhe und auch ich finde nun Vergnügen an unangestrengten Bewegungen im leichten Gelände. Dabei vermischt sich Wald mit Fels in oft abenteuerlicher Weise.

Zuerst kompakter Kalk mit Briefschlitzgriffen. Dann eine Wanderseillänge von einer Wand zum nächsten. „Mama der Mann mit dem Koks ist da“, sang einst Falco. Damit meinte er aber einen anderen Brennstoff, als der, dem das Gestein ähnelt, welchem wir nun begegnen. Felserdgelände mit labilem Charakter. Griffe und Tritte erfordern einen empathischen Umgang mit ihrem „wackelmütigen“ Charakter. Sanfte Handhabung und vorsichtiges Betreten ersparen einen unfreiwilligen dynamischen Abstieg.

Zur Beruhigung folgt ein Plattenwald, oder Waldplatten, wo schwarze Textilreste, so genannte Sanduhrschlingen, mir den Weg weisen. Nun kombiniertes Voralpengelände: Gefrorene Erde mit aufgetauter Oberfläche und Laubstreusel. Ich lege eine flotte Sohle hin und klettere im Gleitschritt. Manchmal – Ein Bohrhakenblitz! Edelstahl schafft Vertrauen und hilft der Orientierung.

Mein Partner Wendelin ist Meister in diesem Gelände (aber auch steilerer, schwerer Fels ist ihm vertraut). Er kennt sie alle, die Wände, Grate und versteckten Gräben. Wir haben uns wieder gefunden nach all den Jahren. Damals waren wir auf der Suche nach alternativen Lebenszielen, abseits vom langweiligen urbanen Leben und den kleingeistigen Wertvorstellungen der Nachkriegszeit. Im Klettern wurden wir beide fündig. Die Interessen entwickelten sich dann weiter und es bildeten sich andere Lebensschwerpunkte. Klettern hatte jedoch einen maßgebenden Einfluss auf mich und meinem lebenslangen Lernen. „Learning by doing“. Mit entsprechender Reflexion ist Erfahrungslernen die am tiefsten wirkende Lernform. Klettern fordert Herz, Hand und Kopf. Diese Erfahrungen sind nachhaltig. Nun, im Zustand einer gereiften Lebensperspektive bereitet es Vergnügen beim Klettern zu philosophieren, besser gesagt tiefgründig zu scherzen oder „schmäh“ zu führen. Es ist ein Privileg mit Wendelin zu klettern. Ich erweitere dabei meinen geistigen Horizont. Wendelin hält beim Klettern inne, ruft mir ein paar Meter über dem Stand einen Gedanken zu, oder eine Idee oder eine Frage. Manchmal fällt mir sofort etwas dazu ein, oft jedoch bin ich genötigt beim Nachklettern ein Kommentar dazu auszudenken. Die Endorphine leisten dabei ihren Beitrag. Der Geist wird durch die Bewegung wach und lässt Ideen frei werden. Nicht immer. Es gibt schwere Routen, da fließen Ideen dann verkehrt proportional zur Schwierigkeit des Kletterns. Unter dem Motto: Je steifer die Finger desto Krampf im Hirn.

Ausstieg

 Oben sein ist heute anders als früher. Damals galt es ein Ziel zu erreichen, sich selbst zu bestätigen, die Angst zu überwinden und den Schwierigkeiten zu trotzen. Ich wollte meine Identität finden. Nun  sollte es nur ein schönes Erlebnis sein. Meine Ansprüche sind kleiner geworden. Die Freude beim Klettern jedoch ist gleich geblieben. Auch nun im Lebensabstieg erfreue ich mich der Gegensteigungen. So lange sie kurz und überschaubar sind.

Abstieg

 Frostig ist es nun im Schatten der Felskulissen. Hinunter wieder, einklinken in das Getriebe, in die zunehmend virtueller werdende Realität des Tastendrückens und Wischens. Im Winter versteckt sich die Sonne in der Hosentasche, der Lichtschein des Smart Phones dient als elektronischer Ersatz.

Warten auf den Schnee.

Bald werden die Tage länger.

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Wilde Völlerin, Ausstieg Pensionistengrat

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Postlgrat

James G. Skone

Der Weg im Himmelreich ist verboten!

Vielleicht hätte ich ihn nicht so provokant fragen sollen, den stolzen Jägersmann, mit geschwellter nackter Brust, Lederhose, Gamsbart auf seinem Steirerhut, einen knorrigen Bergstock in der Rechten und die Flinte am Rücken. Hätte ihn nicht fragen sollen, ob er denn „auf die Gams gehe?“ Noch dazu er in sichtlicher Begleitung eines Jagdgastes. Auf seine Gegenfrage, von wo wir denn herkämen, antwortete ich: „Vom Himmelreich.“ Das muss er als Angriff auf seine Autorität verstanden haben. „Ihr wisst eh, dass das ein verbotener Weg ist,“ war seine Reaktion darauf.

Sprachlos drehte ich mich um und setzte meinen Abstieg fort. Welches Recht maßen sich die Jäger an, einem den Eintritt ins Himmelreich zu verwehren? Anscheinend fühlen sie sich in manchen Regionen Österreichs wie Götter, als Herren über alles was hier fleucht und kreucht

Damit ist eine Kletterroute in der Nähe der Tauplitz gemeint. Einem Kessel in dem das abfließende Schmelzwasser der Trageln eine imposante Landschaft aus Felsreliefen geformt hat. Einen zu Stein gewordenen Wasserfall aus senkrechten Karren, die in regelmäßigen Abständen von horizontalen Bändern unterbrochen sind. Eine Bergskulptur. Landart, nicht vom Menschen geschaffen, sondern ganz natürlich entstanden. Herbert und R. Nowy waren hier die Ersten gewesen. Ihre Routenerschließung war nicht nur eine alpinistische Zeichensetzung, sondern könnte auch als erstmalige Begehung eines geologischen Kunstwerkes verstanden werden.

Von dort sind wir abgestiegen, Heidi, Hans und ich. Einen für uns glücklichen, fordernden Klettertag in den Beinen und die Sonne im Herzen, die den ganzen Spätsommertag in den Felshohlspiegel gebrannt hatte. (höllisch heiß war es im Himmelreich). Es war einer dieser perfekten Klettertage. Früher wurde so eine Tour als „Genusskletterei“ bezeichnet. Der Genuss ist leider nun, 50 Jahre später, ein wenig eingeschränkt, da sich unsere Wehwehchen bereits im „Default state“ befinden. Der Charakter der Route ist noch großteils „Old School,“ im Sinne von: (relativ) weitem Zu- und Abstieg, mehren Seillängen zu klettern, und durch gelegentliche Sanduhrschlingen „markiert.“ An der Schlüsselstelle blitzen aber, nun doch zeitgemäß, ein paar Bohrhaken. Beim Abstieg über die Schroffen sicherten wir uns, da die altersbedingten Bewegungseinschränkungen auch im leichten Gelände Unsicherheiten hervorriefen. Und dann – langsam – „Los ihr Knie, ein Schritt geht noch,“ Abstieg auf dem Weg zur Hütte. Den ganzen Tag leuchtete der Himmel blau, aber in einer Intensität, dass die grauen Felsen bereits weiß anmuteten.

Fotos: J. Skone, Hans Wohlschlager

Der Tag im Kletterparadies hatte uns himmlisches Vergnügen bereitet. Das konnte uns niemand mehr nehmen, auch wenn er eine Schusswaffe trug.

James G. Skone

Stealin´ back

to my old used to be.

„NoTopo“ oder Leben möglichst ohne Anleitung. Ich musste oft meinen eigenen Weg suchen, da ich die Gebrauchsanleitung nicht verstand oder zu ungeduldig war und sie daher nicht durchlesen wollte. Nun bin ich wieder dort angelangt, wo als neunjähriger Bub mein Lebensabenteuer begonnen hatte – beim Klettern. Das war vor 59 Jahren. Dazwischen lag das Sammeln von Erfahrungen; beim Klettern, Erfinden und Gestalten von Produkten (unter dem Motto „Von der Büroklammer bis zur Straßenbahn“) und dem Ausdauersport, Marke „sehr fordernd“, d.h.: mehrere 100km und 24 Stunden Läufe und zwei Iron Man Triathlons. Dann die einmalige Chance als Univ.Prof. junge Leute zu begeistern und ihre schöpferischen Fähigkeiten zu fördern.

Nun versuche ich auf der Homepage/Blog  über das Klettern (im weiteren Sinne) nachzudenken und Geschichten darüber zu erzählen. Das sind  textliche, wie bildhafte Erzählungen aus meiner Vergangenheit und ganz aktuelle. Viele Bilder sind Skizzen,  gezeichnete, gekrizzelte „Schnappschüsse“, als Entgegnung zu den oft beliebigen Digitalfotos. Das Skizzenbuch ersetzt  das Smartphone.

Ein Schwerpunkt der Homepage „NoTopo“ ist der Menupunkt „Kreta kreativ“.  Dieser bietet einen kleinen Einblick in unsere Aktivitäten (mit Krista, meiner Frau) in Kreta, wo wir seit ein paar Jahren in der unerschlossenen Felswildnis herumklettern, aber ohne Spuren zu hinterlassen. Unter „Glory Days“ befinden sich Darstellungen vergangener (alpiner) Ideen und deren Realisierung.

Die Homepage bekommt sicher keinen Designpreis, aber ich bin mächtig stolz diese selbstständig irgendwie hinbekommen zu haben.

Have fun!

James G. Skone