40 Jahre Lassingfall. Die erste Eiskletterroute in Österreich

Vor 40 Jahren wurde der erste winterlich vereiste Wasserfall in Österreich geklettert. Wahrscheinlich. Vielleicht war man schon früher in anderen Gebieten aktiv gewesen. Aber mir ist davon nichts bekannt. Streng gesehen könnte man sagen, dass das Gaisloch auf der Rax schon seit jeher im Winter mit Pickel und Steigeisen geklettert wurde. Das war aber noch im klassischen Stil mit Stufenschlagen und die Nutzung des Stahlseils. (Das Gaisloch ist im Sommer ein versicherter Steig). Auch begingen wir im selben Jahr vor dem Lassingfall eine direkte Variante des alten Gaislochsteiges, Soft Eis. Erich Lackner übernahm hier bravoriös das scharfe Ende des Seils. Aber wir bewegten uns noch immer an einem „traditionellen“ Ort. Es war Zeit für die Ausübung einer neuen Idee des Klettern auch neue Spielplätze zu suchen und ihr somit Flügeln zu verleihen.

Schwer war es anfangs geeignetes Gelände zu finden. Der Laie wird meinen, dass es ja in Österreich überall genügend Wasserfälle gibt, worin liegt den da das Problem? Also richtige WasserFÄLLE, wo das Wasser nur so herunter rauscht, bilden selten Eis. Das Eis, das wir brauchten, entstand durch die Kombination von langen Kälteperioden und kleinen Rinnsalen. Das nächste Problem war, dass ich, in Wien lebend, mich am falschen Ende der Alpen befand. In den Tauerntälern hätte es sicher Eis gegeben, aber das war für unsere ersten zaghaften Versuche zu weit weg.

Also wo? Hans Wohlschlager schlug vor den Lassingfall in den Ötschergräben einmal einen winterlichen Besuch abzustatten. Das war im Dezember 1977. Ich hielt anfangs nicht viel davon, wie gesagt: Lassing – fall, das klang nach richtigem Wasserfall, also wahrscheinlich war eh kein Eis zu erwarten. Von Wienerbruck aus wateten wir, Krista, Hans und ich im Schnee an der Abbruchkante der Gräben entlang. Es hatte in den Tagen davor viel geschneit. Ich war ahnungslos, konnte mich nicht orientieren. Wie sollten wir zu den Fällen gelangen? Zum Glück kannte sich Hans besser aus. Irgendwo ging es dann steil hinunter. Ich würde den Ort sicher nie wieder finden. In meinem Inneren begannen kleine Warnlämpchen aufzuleuchten. Viel Schnee, steil, da könnten wir schneller unten sein als vorgesehen – mit einer Lawine nämlich! Aber wir kamen wohlbehalten unten an. Ja, Hansi‘s Vermutungen hatten gestimmt, wir standen unterhalb des ersten Aufschwungs. Und der Wasserfall war vereist. Doch auch sehr verschneit. Die Eisbildung war, da noch früh im Jahr, eher oberflächlich und bestand aus Eisschilder und Eisröhren, wo darunter das Wasser rauschte. Aber die Kletterei war leicht, das Gelände nicht steil, so konnten wir stressfrei auch in dem matschigen Zeug klettern. Durch das dauernde Buddeln im Schnee, um zum Eis zu kommen und die gelegentliche Dusche von der, hinterm Eisvorhang sprudelnden, Erlauf, waren wir nach einiger Zeit ziemlich feucht und klamm. Es gab auch hier eine ungewöhnliche „alpine Gefahr“, die Gumpen, vom Wasserstrom erodierte, tiefe Felswannen. Mit Wasser gefüllt und mit einer dünnen Eisschicht bedeckt. Noch dazu bot sich das ebene Gelände dort als Standplatz an. Beim Canyoning im Sommer sicher ein Erlebnis, beim Eisklettern eine unfreiwillige Bademöglichkeit. Nach dem ersten Eisschild ging es dann von Gumpe zu Gumpe. Dazwischen immer kurze Eisaufschwünge oder kleine, leicht kletterbare Eissäulen. Einige Seillängen gingen in diesem Stil dahin, bis sich das Gelände zurücklehnt. Wir waren nass, die Seile gefroren und wie aus Stahl. Es war aber eine nette, spielerische Erfahrung gewesen. Nicht wie so mancher Adrenalintrip bei späteren Aktionen. Erst später dämmerte es mir, dass wir wahrscheinlich damit den ersten Schritt in eine neue Richtung des Österreichischen Bergsteigens getan hatten.

Jahre später war ich wieder am Einstieg des Lassingfalles gemeinsam mit Felix Kromer. Wir hatten gerade Kelvin Lethal auf der gegenüberliegenden Schluchtseite zum ersten Mal begangen. Die erste Eisroute, wo zwei Bohrhaken im Sommer gesetzte worden waren. Von Christian Enserer am Seil hängend im Duschbad. Diesmal war der Lassingfall solides Eis. Seilfrei stiegen wir hoch. Die Sonne schien, es war ein genussvolles Vergnügen nach der Schinderei im engen Spalt von Kelvin Lethal.

Der Lassingfall war tatsächlich ein Meilenstein im Klettern. Ein kleiner zwar nur, ein Steinchen, aber er motivierte uns zu mehr. Danach wurden wir von Route zu Route sicherer und dreister. Ich beging in den folgenden Jahren über 40 neue Eisrouten in allen erdenklichen Gegenden Österreichs (und eine in der Schweiz) mit verschiedenen Partnern. Viele davon wurden von mir nicht benannt oder dokumentiert. Die Erstbegehung des Glaspalasts in Klammstein mit Erich Lackner und Felix Kromer mit einem Biwak im Eis wurde 1980 vom ORF gefilmt. Damals waren wir noch Freaks, kaum von der übrigen Klettererwelt wahrgenommen. Es sollte noch einmal zehn Jahre dauern, bis, mit der bis dahin schon stark verbesserten Eisausrüstung mehr Leute im Eis kletterten. Jetzt ist es laut der Tourismuswerbung „Trendsport“ geworden.

 

 

Die erste Seillänge. Linkes Foto: Vor vierzig Jahren bei der Erstbegehung. Kletterer: James Skone, Pic: Hans Wohlschlager. Rechtes Foto: Ein paar Jahre später. Kletterer: Felix  Kromer, Pic: James Skone

 

Oberflächiges

Scheinbare Anstiegslinien, Seltsame Zeichen in der alpinen Landschaft, Kolorierte Ansichtskarten? Oder doch nur gekritzeltes Spiel mit Strukturen und Oberflächen.1F9C689C-F0F4-4A70-A158-7C64F2815E52A6F34862-1779-40B1-A15F-E373481460EE2EAEC449-5451-42AD-87B8-54354CE16E03

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Foto: Sonnblick Webcam

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Foto: Sonnblick Webcam

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Fotos, Fotomontagen und Interventionen: James G. Skone (Außer 2 Bilder von Sonnblick Webcam).

Gebetsfahnen des Konsums

Auf den Pässen des Himalayas flattern bunte Buddhistische Gebetsfahnen. Laut Wikipedia „werden sie von den Gläubigen bis zur vollständigen Verwitterung dem Wind ausgesetzt, damit nach ihrer Überzeugung die Gebete dem Himmel zugetragen werden“. Sie gehören zum gewohnten Bild dieser Gebirgslandschaft.

gibt aber auch andere Fahnen, die auf der Welt in den Büschen in der freien Natur wehen, die „bis zur völligen Verwitterung dem Wind ausgesetzt werden. Diese Fahnen sind aus Plastik und das Ergebnis des unachtsamen Umgangs damit – weggeworfene Einkaufssäckchen und Verpackungsmüll. Anders als die Buddhistischen Stofffähnchen, verwittert Kunststoff kaum und wird daher noch lange flattern.

Welche Gebete jedoch „tragen sie dem Himmel zu?“  Worum sollte man in der Relgion des Konsumismus, deren Träger sie im wahrsten Sinne des Wortes sind, bitten? Um „mehr“, im Sinne dieser Geisteshaltung innewohnenden Maßlosigkeit?  Oder sind diese, mit den Bäumen und Büschen so verstrickten Zivilisationsfetzen, Mahnzeichen, gerade weil wir sie in der Natur so stark als Fremdkörper wahrnehmen?

Im Produktdesign ist das Thema „Abfall“ aber cool. Es macht Spaß und viele sehen es als kreative Herausforderung alle möglichen nicht mehr gebrauchten Dingen zu neuem Leben zu erwecken, indem man ihnen durch Designintervention eine neue Aufgabe gibt. Meist ist der Ausgangspunkt ein ästhetischer. Man erkennt in der Form eines Gegenstandes sein Potenzial für einen neuen Zweck. Man siehe z.B. was so alles aus alten PET Flaschen entstehen kann. Der wirkliche Sinn hinter diesem künstlerischen Handeln liegt jedoch darin, ein Bewußtsein für unseren Umgang mit Ressourcen zu schaffen.

So gesehen hat das Plastiksackerl im Dornenbusch eine mahnende Aufgabe zu erfüllen. Seine diesbezügliche symbolische Funktion kann daher auch Impuls für eine künstlerischen Interpretation sein.

Fotos von Kreta, 2017.  James G. Skone

 

 

 

 

 

Tags’n’Topos

Orte oder Objekte mit grafischen Zeichen zu versehen ist ein archaisches menschliches Bedürfnis, nicht nur der Ausdruck der urbanen Graffitiszene. Höhlenmalereien waren die ersten Formen der Darstellung menschlichen „da“- seins,  Schriftzeichen haben sich aus unserem Kommunikationsbedürfnis heraus entwickelt und Unternehmen nützen Logos als zur raschen Erkennbarkeit ihrer Produkte.  „Urban Writers“, die Graffitisprayer nennen die einfachen, schnell mit einem Filzstift auf eine Wand hingekritzelten, Zeichen „Tags“.
Grafische Routenbeschreibungen von Kletterrouten werden „Topos“ genannt. Wahrscheinlich kommt der Begriff von „Topografie“, also „Geländebeschreibung“. Ein Topo gibt detaillierten Aufschluss über Routenführung, Schwierigkeit und Sicherungsmöglichkeiten.
Mich interessiert jedoch das Topo als grafisches Zeichen, nämlich die Linie, die Spur oder die Kritzelei auf einem Foto oder Zeichnung.  Dabei ist ihre Funktion als Orientierungshilfe sekundär. In ihrer nunmehr sozusagen kletterzweckfreien Form wird sie zu einem „Tag“, zu einem spontan hingesetztem Zeichen, das mitteilt „hier“ gewesen zu sein. Jedoch nun ist es die ästhetische Qualität der Linie in Beziehung zum Bild, die zum Tragen kommt. Welcher Dialog entsteht zwischen dem „Tag“ und dem Wandfoto? Welche Geschichte erzählt das Bild?
Die folgenden Darstellungen berufen sich auf die Erschließung letzter weißer Flecken auf unseren Landkarten, nämlich die noch unbestiegenen Felswände. Kreta bietet dafür noch scheinbar unbegrenzte Möglichkeiten. Hier waren Krista und ich in den letzten Jahren aktiv. Es sind unbekannte Berge und unbenannte Wände, die wir erforschten. Die von uns erstmals begangenen Routen sind die Grundlage für die Tags. Sie sollen keinen Aufschluss über die Routenführung geben. Aber sie erzählen etwas über die Landschaft und unser Tun, ohne jedoch in den Bergen eine Spur zu hinterlassen und ohne Eroberungsanspruch.

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Fotos: James und Kristina Skone; Tags mit Adobe Sketch ausgeführt. Copyright: James G. Skone

Psst! Kraxeln im verbotenen Wald (2015)

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Wie Diebe schleichen Hans und ich am Haus vorbei. Von Jägern sollten wir hier nicht gesehen werden. Flüsternd diskutieren wir über den möglichen Einstieg.
Ein magisches Zeichen scheint uns den Weg zu weisen. Gekreuzte Äste, das könnte den Routenbeginn andeuten. Ich komme mir vor wie ein Darsteller im „Blair Witch Project“, dem Horrorfilm vor vielen Jahren, wo einer Gruppe Amerikanischer Studenten im Wald das Fürchten gelehrt wird. Wird es weitere Zeichen geben, die uns den Weg weisen? Wir sind topo-los unterwegs, auch mit der Absicht, den Weg selbst zu bestimmen. Felsbildungen und Gehstrecken werden einander abwechseln. Nun klettern wir über den ersten Grat. Da die Route eine leichte Kraxelei sein sollte, haben wir nur ein kurzes Seil und ein paar Standbandschlingen mitgenommen. Gleich der erste Grataufschwung lockt mich an die Kante zu klettern. Ich muss mich aber selbst zurückpfeifen, da Bruch und null Sicherungsmöglichkeit der Sache eine zu ernste Note geben. Die Idee kann ein andermal realisiert werden.
Föhrenwald, alte knorrige Bäume, weißgraue Felsen, Schuttpassagen mit Bockerlkugellager und Föhrennadelgleitmittel. Aber insgesamt nicht störend. Da es aus verständlichen Gründen (Stichwort „Jäger“) zu diesem Anstieg keine Beschreibung gibt, fühlen wir uns um 100 Jahre zeitversetzt, wie Kletterer der ersten Stunde, als das Auskundschaften einer leichten Route noch Abenteuer war. Auch wenn es nur auf einem unbedeutenden Waldhügel in der Nähe von Wien erfolgt.
In unserem Eifer übersehen wir dabei auch das Steigbuch (das gibt es aber schon, anscheinend besteht auch hier Meldepflicht). Es ist ein Ort voller Widersprüche. Obwohl eine stark befahrene Straße direkt unter uns liegt, fühlen wir uns alleine, sozusagen bergeinsam am Straßenrand. Aber vielleicht liegt es gerade an diesem Verkehrsweg und dem Mangel an Wanderwegen, dass hier eine Art Freiraum entstanden ist. Daher akzeptiere ich auch den LKW Tinitus, das Brummrauschen vorbeifahrender Fahrzeuge. Wir aber sind geräuschlos. Es gibt keine Seilkommandos. Sparsam gesetzte Steinmännchen und das gelegentliche diskrete rote Pünktchen bestätigen unseren Routensinn. Aber die Lust unseren eigenen Weg zu finden bleibt aufrecht, immer wieder entdecken wir neue Klettervarianten, die mangels Sicherungsmöglichkeiten (außer über Bäume), uns mit der alpinen Gefahr kokettieren lassen. Unser Sicherungsstil ist also maximal „mobil“. Und das Steigen auf dem maiwarmen Fels die Erfüllung unserer Wintersehnsucht. Harz klebt auf meinen Fingern. Sonne und Föhren spielen Schattenspiele, werfen dunkle Konturen auf den bleichen Kalk. Die sanfte grüngraue Welt wird im Tagesverlauf zunehmend härter, ausgeprägter, schwarzweiß. Gegenüber am Hang unter uns die klassische Bildidylle – ein Kirchlein inmitten bewaldeter Berge.
Die Gehpassagen nehmen zu. Weiter nun weglos hinauf, steil, lang und mühevoll. Ein
langer Abstieg steht uns bevor – hätten wir doch vorher die Landkarte studiert! Forstwege, Traktorspuren, schuttbedeckte Wiesen und zum Schluss sozusagen dann durch Nachbars Garten.

Insgesamt ein kleiner alpiner Regelverstoß also. Auf einer geheimen Route im verbotenen Wald Spuren unserer Vorgänger suchen und einen eigenen Weg finden. In aller Stille, abseits des alpinen Mainstreams. Wie damals, als Klettern noch nicht cool war und die Kletterer Freaks jenseits aller gesellschaftlichen Normen.