Engadin Blues 18

In der zunehmenden, altersbedingten Rückwärtsgewandtheit wird unser bergsteigerisches Leben immer mehr von Träumen bestimmt. Kleine Erlebnisse in den Bergen, kurze Kletterein im Klettergarten und „familienfreundliche“ Mountainbiketouren genügen jetzt, um für uns Bedeutungsvolles aus der Vergangenheit wieder ins Leben zu rufen.

Damit schließt sich ein Kreis. Wir werden wieder zu Kindern. Auch damals träumten wir – ausgehend von ersten Bergtouren und ersten Kletterversuchen – von Abenteuern in großen Wänden und dem Besteigen hoher Berge.  Das lag noch in der Zukunft und schien möglich. Manches

davon wurde realisiert.

Heute erinnern wir uns daran. Die Erinnerung verklärt den Blick, ein Bluesakkord ertönt im Hintergrund. Die nun unerreichbar hohen Gipfel des Engadin lassen uns träumen.

Sketches: Aus dem Engadin August 2018

Flüg(g)e werden

„Plötzlich sausten große Felsbrocken durch die Luft auf mich zu.  Irgendwie hab’  ich’s g’schafft den Karabiner in meine Standsicherung wieder einzuhängen,“ meinte später Christl meine Seilgefährtin.

Das hatte uns beiden das Leben gerettet.

Denn kurz danach erschien ich auf der Bildfläche. Kopfüber ins Leere stürzend, mein weißer Leinenanorak wehte im Fallwind. Laut Christl: „Wie eine Schwalbe hast ausg`schaut.“ Ich stürzte 60m in die Tiefe und drehte mich im Seil hängend  bewusstlos unter einem Überhang.

Ort des Geschehens war der Brunnerweg in der Stadelwand am Schneeberg bei Wien an einem eisigen Jännertag 1964. Was war passiert?  Zwei alpin unerfahrene – fast noch – Kinder, Christl war fast siebzehn, ich gerade erst fünfzehn, befanden sich knapp unterhalb des Ausstieges aus der fast 400m hohen Wand. Ich war als Seilerster gerade beim letzten Standplatz angekommen und hatte leichtsinnig „Stand“ gerufen, ohne mich selbst am Felsen fixiert zu haben. Meine Seilgefährtin öffnete daraufhin ihre eigene Standsicherung 30m unter mir,  als ein Block, auf dem ich stand, ausbrach und ich so meine Luftreise begann. Bewusst jedoch erlebte ich diese nur 10m. Der erste Aufschlag mit dem Kopf (durch einen Helm geschützt), veränderte mein Bewusst „-sein“ in ein befreiendes „-los.“

Da das Felsgelände leicht war,  hatte ich keine Sicherungen angebracht, um einen eventuellen Sturz zu verkürzen. So stürzte ich die 30m Seillänge, die ich mich über dem Stand meiner Partnerin befand, dann noch einmal weiter unter ihrem Standplatz, das ergab 60m. So spektakulär dieser Unfall klingt, so glimpflich war der Ausgang.  Zufällig waren an diesem Wintertag noch Freunde auf dem Richterweg, der Nachbarroute, bzw. am Fuß der Wand unterwegs, die uns aus dem Schlamassel befreien konnten und uns nach stundenlangem Abseilen über die Wand in Sicherheit brachten. Auch unsere Verletzungen waren relativ bedeutungslos, angesichts des möglichen letalen Ausgangs dieses Unfalls. Ich hatte zwar anscheinend eine Verletzung der Schädeldecke davongetragen (Die Delle habe ich noch heute), aber der maß man im Krankenhaus Neunkirchen (das zu der Zeit gerade bei Unfällen ein gewisses „Renommee“ bzgl. der Behandlungsqualität hatte), wenig Bedeutung zu. Einer meiner Lendenwirbel war gebrochen, dies war schmerzhaft, aber ohne ernsthafte Folgen. Christls Verletzungen waren, ohne dass sie gestürzt war, eher unangenehm. Das Seil war ihr, beim Versuch meinen Sturz zu halten, ins Gesicht geschlagen und hatte ihr einen Zahn ausgeschlagen, bzw. eine Fleischwunde verursacht.

Wir träumten davon in den Bergen eine Sinnalternative zur braven Kleinbürgerlangeweile der Nachkriegsjahre zu finden. Wir wollten weg von der Fremdbestimmung durch Schule oder Lehre. Wir wollten ganz einfach „raus“, um wenigstens am Wochenende unser Leben selbst gestalten können. Kletterabenteuer gaben uns dann wieder Stoff für Tagträume, die zumindest bis zum nächsten Wochenende reichen sollten. Es war aber mehr als Adrenalin, das uns high machte, sondern das gemeinsame Erleben, das „draußen“ sein.  Mit allen Sinnen zu spüren: Das Flüstern des Windes im herbstlichen Laub und sein föhniges Brausen durch den Föhrenwald,  den bitter modrigen Geruch der Kalkfelsen nach der Schneeschmelze, die Nadelstiche des Alpingrases auf den Händen. 

Klettern war zu dieser Zeit noch nicht cool, so wie heute. Die Bergsteiger und Kletterer, die sich der Schwierigkeit und vor allem Gefährlichkeit alpiner Wände aussetzten, sahen sich aber selbst gern als „wilde Hunde“, da sie sich außerhalb der bürgerlichen Wertewelt bewegten und gefährlich lebten.  Von anderen wurden sie aber gerade deshalb misstrauisch als Eigenbrötler und Freaks gesehen. Es gab materiell nichts zu gewinnen, nur bei jedem bewältigten Abenteuer sich selbst und die Naturelemente mit allen Sinnen zu spüren, kurzzeitig euphorisch zu leben. Öfter als es uns bewußt war, hatten wir damals im jungendlich-naiven Glauben unverletzlich zu sein, das Glück gehabt diese Zeit zu „über“leben. Fröhliche Kinder bei einem gefährlichen Spiel.

Ich lebte bei meiner Oma in Wien, die familiären Umstände wollten es so. Meine Mutter hatte die Idee mich in die Jugendgruppe „Unsere Jüngsten“ bei der Sektion Edelweiß des Alpenvereins zu bringen. Sie hoffte, dass ich bei Spiel und Wanderungen als Einzelkind in einer Gruppe sozialisiert würde,  und in den Bergen mit Gleichaltrigen „in der Natur“ wäre. Da war ich gerade neun Jahre alt. Oma machte aber leider den Fehler in mir heroische Gefühle wachzurufen. Sie ging mit mir regelmäßig in die Urania, um neueste Filme über die erfolgreichen Himalayaexpeditionen anzusehen. 

Im Gedächtnis geblieben ist mir dabei vor allem der Film von der Erstbegehung des K2 durch die Italiener 1954. Für mich waren diese Männer Helden. Ich wollte auch Bergsteiger werden. Dazu kam, dass die frühen Wiederholungsversuche der Eiger Nordwand mit all den tödlichen Unfällen in den Zeitungsmedien und in den Wochenschauen der Kinos dauernd präsent zu sein schienen. Vor allem das Corti-Longhi Drama 1957 ist mir im Gedächtnis geblieben, wo beide Italiener in der Wand verunglückten, Claudi Corti aus der Wand gerettet wurde und die Leiche Stefano Longhis zwei Jahre in der Wand hing, bevor sie unter beträchtlichem Aufwand geborgen wurde. Diese Dramen waren in meiner Phantasie zu Leben gewordene Rittergeschichten, Heldensagen von heute. Edelmütige, furchtlose Männer im Ringen mit der Nordwand. Der Berg stellvertretend für den zu erlegenden Drachen. 

Ganz in der Nähe unserer damaligen Wohnung in der Kölblgasse befand sich in der Fasangasse eine Städtische Bücherei. Da ich als Bub Bücher zu verschlingen schien, trug mich meine Oma dort ein. Der Bibliothekar schien mich ans Herz geschlossen zu haben. Nachdem ich alle verfügbaren Märchen- und Sagenbücher gelesen hatte, und ein paar „Jugendbücher“, deren Geschichten mir aber zu konstruiert erschienen, schlug er mir Bücher über Sport vor, davon habe er genug. Natürlich interessierte mich alles übers Bergsteigen. Wie die Raupe Nimmersatt habe ich mich dann durch alle in der Bücherei verfügbaren Bergbücher gefressen. Vor allem aber, wie wahrscheinlich vielen jungen Wiener Bergsteiger der späten 1950er Jahre, hatte es mir Karl Lukan angetan. Er konnte, wie kein anderer, mit Sprachwitz und dem zu der Zeit typischen Understatement der Wiener Kletterszene mich so faszinieren, dass ich Bücher wie: „Wilde Gesellen vom Sturmwind umweht“ oder „Gelbe Wand am grünen See“ an einem Nachmittag auslas. Ein kleines, rührendes Detail am Rande: Der Bibliothekar hatte ein körperliches Gebrechen, das ihm das Gehen und das Greifen schwer machte. Just er war es aber,  der Freude daran hatte mich mit Sportbüchern zu motivieren. Natürlich habe ich so ziemlich alles an Bergbüchern gelesen, die es damals gegeben hatte. Bücher von Fritz Kasparek, Hermann Buhl, Hans Ertl, Leo Maduschka, Kurt Maix usw. und auch Bücher von internationalen Größen, deren es aber in der Bücherei nicht so viele gab. Georges Livanos oder Lionell Terray als Autoren sind mir dabei noch im Gedächtnis geblieben. Durch die Lektüre wurde ich immer mehr von den Alpen und vor allem dem Klettern angezogen. Am Himalaya verlor ich dann Interesse, da mir damals die Expeditionsberichte als langweilige Beschreibung von „Truppenbewegungen“ auf Flanken hoher Berge erschienen.

Bei der „Jüngstengruppe“ gingen wir unter Obhut unserer alpinen Ziehmüttern, Lisl Mandl und Gretl Schneider und einer Gruppe gleichgesinnter Kinder jeden Sonntag in den Wiener Wald oder verbrachten gemeinsam Sommer-, Winter- oder Oster“lager“ in den heimischen Bergen. Das oft stundenlange Gehen im steilen Berggelände war wahrscheinlich die Grundlage meiner späteren Ausdauer beim Laufen. Wir waren immer gemeinsam unterwegs. Dabei war das Wohlergehen der Gruppe wichtig. Ich lernte auf andere Rücksicht zu nehmen und meine eigenen Wünsche gegebenenfalls denen anderer unterzuordnen.  Als edler Ritter habe ich so manchen Rucksack der Mädchen mitgetragen. Solidarität, aber wir nannten es damals „Kameradschaft“. Wandern war ok, aber eigentlich wollte ich KLETTERN. 

Mit neun wurde ich zum ersten Mal ins Seil geknüpft.  An der Luther Wand bei Rodaun. Ich war nicht besonders stark und musste manche Wandstellen mehr mit Willenskraft meistern, als durch Können. Außerdem gaben mir die „Kasparek“ Rauhleder Kletterschuhe, die für alles andere zu gebrauchen waren, nur nicht fürs Klettern, nicht den gewünschten Halt.  Auf meinem ersten Sommerlager, der Ursprungalm in den Radstädter Tauern, kletterten wir auf den im Tal liegenden hohen Blöcken herum. Bouldern hieß dies später im Yosemite. Für uns war es noch ein mit Seil gesichertes Kinderspiel.  

Ein paar Jahre später gingen wir bereits selbstständig klettern. Treffpunkt am Sonntag um 9Uhr Endstelle der Straßenbahnlinie 60 in Rodaun. Von dort aus wanderten wir von einem Kletterfelsen zum nächsten. Ein Bouldermarathon, sowohl gemessen an der Gehdistanz zwischen den Felsen wie an den Klettermetern. Zuerst z.B. marschierten wir nach Kaltenleutgeben zur Waldmühle, dann im Wald weiter hinauf zu den Streberwänden, von dort hinunter zum Kaltenleutgebener Grat und wenn wir bis dahin noch nicht total erschöpft waren, besuchten wir am Rückweg entweder noch die Götterplatte oder die Mitzi Langer Wand. Es gab aber obskure, heute komplett überwucherte Felsen, die wir kannten, wie das Elefantenohr, den Einserturm, den Predigerstuhl oder einen Felsen mitten im Wald in der Nähe des Kreuzsattels bei der Norwegerwiese, der noch nie in einem Wienerwaldführer Beachtung fand. (Wahrscheinlich wegen des „Zustiegs“ von fast 2 Stunden von Rodaun). Oft war ich mit Michael Woditsch alleine unterwegs, die Kletterfelsen waren jedoch meist auch von anderen gut besucht. Denn wenige hatten schon ein Auto oder das Geld, um am Sonntag weit zu fahren. Bis Ende der 1960er Jahre mußte noch 45 Stunden die Woche gearbeitet werden, da war für die meisten nur Samstag Nachmittag und Sonntag frei. Oft verbrachten wir unsere Zeit unter dem Schattendach der Buchen und Föhren in der so genannten „Waldmühle“, kaum 15m hohe Felsen. Aber, wie alle Wände im Wienerwald, Steine mit Geschichte. Hier sind sie alle geklettert, unsere Kletterheroen. Mehr jedoch als ihre Namen, sind es die Routennamen die Mythen nähren. Als Graffiti an den Felsen heute nur noch zu erahnen. „Wiener Lehrer Überhang“, „Mephisto“, „Schmierseifenverschneidung“, „Pongo Überhang“ waren Teststücke unserer Jugend. Ich erinnere mich wie oft ich am tückischen Quergang des „Seufzers“ gescheitert bin, bis ich den richtigen Bewegungsablauf herausbekommen hatte. Gesichert wurde „von oben“, dabei wurde das Seil um den nächstbesten Baum geschlungen. Heute nennt man das „Top Rope“ und benötigt zur Umlenkung mindestens einen Bohrhaken.  Die Schwierigkeitsangaben der Routen damals waren sehr diffus. Es hatte den Anschein, dass sich die oberste Grenze ungefähr um den fünften Schwierigkeitsgrad bewegte, auch wenn die Könner dabei am absoluten Limit kletterten. Der sechste Grad, die oberste Schwierigkeitststufe, passte nicht zum inszenierten Understatement. Fürs Selbstvertrauen eines Kletternovizen nicht förderlich. In Wirklichkeit gab es nur drei, nennen wir sie: „Zonen“, nämlich „E-Leicht“, „Scha-wah“ und „Da-ünn“. Letzteres bedeutete einen Grenzgang in der Todeszone. Nicht wegen des Sauerstoffmangels (wie im Himalaya), sondern weil die Chancen groß waren runterzufliegen. Alles ausgesprochen im gedehnten Meidlingerisch, eine Art Hardcorewienerisch.

Dieser Duktus in Verbindung mit einer auf der Unterlippe baumelnden „Dreier“ trug zur coolen Erscheinung eines wilden Hundes bei. Der Rauch einer „Dreier“, des herben, unparfumierten Balkantabaks dieser billigen, damals noch filterlosen, Zigarettensorte, war der Duft des Kletterns, genauso wie die nach Pisse, Schweiß und Moder riechenden Hanfseile, mit denen wir noch kletterten. Alle Kletterer schienen damals zu rauchen. Tabak, Hanf war nur Sicherungsmittel. (Perlonseile waren aber im Kommen).  

 In den Streberwänden traf ich eine Gruppe junger Kletterer, nur ein wenig älter als ich. Sofort stellte ich fest: Das waren Profis. Sie hatten die Attribute der „Echten“, nämlich Hammer, Haken und Trittleitern. Damit versuchten sie einen Überhang „in künstlicher Kletterei“ zu bezwingen, das heißt, indem sie Haken in die kleinen Felslöcher und -ritzen trieben, eine Trittleiter dort einhängten und darin hochstiegen. So wie ich es in den Büchern gesehen hatte. Wie es anfangs der 1960er Jahre aktuell war. Die Dolomitenwände wurden in diesem Stil,  in der Direttissima, also der Direktlinie bezwungen. Hier traf ich Roland Rochefort. Er erschien mir wie eine Lichtgestalt des Kletterns. Er war der Motor dieser Gruppe. Sie waren auch vom Alpenverein, aber von einer anderen Sektion, der „Austria“, einer Gruppe unter Leitung von Horst Meinharter. Dort musste ich hin. Das sollte meinem Leben einen neuen, wichtigen Impuls geben. 

Beim nächsten Heimabend am Donnerstag ging ich auf Roland zu. Heimabende waren die analoge, physische Frühvariante von Facebook. Da trafen sich die Kletterer und „machten sich“ fürs Wochenende „was aus“. Oder erzählten über ihre Heldentaten vom letzten Wochenende. Der Vereinsraum wurde zum „Hub“ zum Kommunikationsknotenpunkt.  Alles live, manchmal performativ („ Da musst dann weid umispreitzen und dann host an Griff“)  imaginär im Luftkletterstil dargestellt, und für mich das wöchentliche soziale Highlight. Nur manche hatten Autos („nimmst mi mit?“) und einige noch kein Telefon. Computer gab es noch nicht einmal als allgemein gebräuchlichen Begriff. Und virtuell waren höchstens die Träume, die uns Stoff für Kletterabenteuer lieferten. 

Roland war etwas später gekommen. Direkt von der Tischlerei, wo er seine Lehre absolvierte. Wie sehr beneidete ich ihn um seine mit Leim verklebten Hände, die sich freundlich weich anfühlten, trotz starkem Händedruck. Sie zeugten von Praxis, von ehrlichem Handeln, alles, das ich in der Schule vermisste. Er war eher klein und feingliedrig, und hatte einen schwarzen Haarschopf mit einem breiten Gesicht, dass wenn er lächelte noch breiter wirkte. Er trug (den schien er immer zu tragen) einen coolen schwarzen Schlupfanorak aus festem Baumwollstoff. Irgendwie hatte er Stil. Ich war neu in der Runde und fühlte mich unsicher. Ich musste mich sehr überwinden, um Roland zu fragen, ob er mit mir klettern würde, war er doch fortgeschrittener und ganz sicher besser im Klettern als ich. Aber scheinbar bewegten wir uns auf einer ähnlichen Wellenlänge, wir mochten uns. Roland fragte mich, ob ich Lust hätte mit ihm auf den Peilstein zu fahren. „Sonntag um 6.00 in Meidling ?“ Bahnhof versteht sich, diesmal nicht Autostop, wie damals üblich, da die Autoverbindung in diese verlassene Ecke des Wienerwaldes in den Zeiten vor Errichtung der Südautobahn schlecht waren. In der Holzklasse ging es dahin, bis Weißenbach-Neuhaus. Dann ein einstündiger flotter Fußmarsch zum Peilsteinhaus. 

Rasch. Powerwalking sozusagen. Je schneller wir bei den Wänden waren, desto mehr konnten wir klettern. 

Zeit war sozusagen Klettern. Es war ein nebliger Novembertag. Die westseitigen Peilsteinwände, im Herbst sowieso schon meist im Schatten, steckten noch dazu in der grauen Suppe. Kein Mensch da. Wir stiegen ins Cimony Couloir ab und in die Vegetariakante ein. Einer meiner Träume sollte in Erfüllung gehen. Die Vegetariakante! Ein echter Vierer.  Damals war ein Peilsteinvierer nämlich schon der Eintritt in die obere Kletterliga. Wie alle Peilsteinrouten damals praktisch ungesichert. 70m davon mit nur einem kleinen Eisenkreuz als Stand und einem einzigen Sicherunghaken in der zweiten Seillänge. Da Roland nur ein 30m langes 9mm Halbseil hatte (das eigentlich nur in Verbindung mit einem zweiten Seil einen Sturz des Seilersten aushielt), mussten wir die Route, die sonst in zwei Seillängen geklettert wird, in drei Seillängen klettern. Den zweiten Stand machten wir an dem genannten Haken, der eigentlich nur als Zwischensicherung gedacht war und nicht als Standfixierung.  Aber Stürzen wurde sowieso nicht in Betracht gezogen, also was soll’s. Da sollte es auf die Seildimension oder die Qualität des Standhakens auch nicht ankommen. Außerdem war Roland sonst am allerletzten Stand der Alpintechnik. Er hatte 20 Stück echte „Aahleu“ (das ist Meidlingerisch, korrekt: „Allain“, etwas nasal ausgesprochen, von Pierre Allain dem Französischen Erfinder). Diese waren die ersten Aluminiumkarabiner, die dazu dienen, das Seil in Sicherungshaken einzuhängen. Bis dahin waren Karabiner aus Eisen geschmiedet. Schwer und nur gering belastbar. Dazu besaß er viele Sicherungsschlingen aus Perlon (die Deutsche Variante von Nylon) und, was mich am meisten beeindruckte, selbst angefertigte „Holzbackln“ (Übersetzt: Holzkeile), Keile für breite Risse, anstatt Mauerhaken. Das waren Kunstwerke, Skulpturen, Designobjekte in verschiedenen Formen und Größen. Manche exzentrisch ausgeführt, damit sie sich beim Eindringen in den Riss drehen und sich so besser verkeilen. Dazu Trittleitern mit Holzsprossen, natürlich selbst entworfen und hergestellt. Was mich aber am meisten beeindruckte, war, dass aus seiner Knickerbockerhose (schmal geschnitten, eine abgeschnittene beige Skihose) unten zwei Wadeln rausragten, die genauso dünn waren wie meine. In Österreich war der Durchmesser des Unterschenkels immer Ausdruck alpinistischer Männlichkeit gewesen. Endlich konnte ich mich meiner Komplexe entledigen. Außerdem war es möglich den mangelnden Wadelsexappeal durch dicke weiße oder graue Wollstutzen zu kaschieren. Rote Wadelstutzen trugen hingegen, unserem Verständnis nach, nur Schwammerlsucher und Möchtegernbergsteiger meist in Kombination mit einem abzeichenbeschwerten Filzhut im Luis Trenker Look. Die war die unterste alpine Kaste, quasi unberührbare von der Warte der Kletterer aus.  Ein ganz zentrales Kennzeichen des wirklichen Nordwand Profis waren seine Bergschuhe. Diese mussten nämlich durchgescheuerte Oberleder vorne bei den großen Zehen haben. Warum? Damit signalisierte man tagelangen Kampf im steilen Fels, nur auf Trittleitern gegen den Fels schabend, endlose kalte Biwaknächte und somit grenzenlose Heldenhaftigkeit. Unter dem Motto: Ich zeig Dir meine Zehen und Du sagst mir wo ich war! (geklettert bin). Roland hatte solche Schuhe. Ich musste hingegen noch lange an diesem Image scheuern. 

Die Vegetariakante gingen wir noch in grau. Dann, plötzlich, wie ein Foto im Entwicklerbad, erschienen die Konturen der uns umgebenden Wände, bleich zuerst, dann klar, farbig, sonnig. Der Nebel war verpufft. Dieser Tag wurde für mich zu einem Schlüsselerlebnis im Klettern. Wir spulten eine, für meine damaligen Fähigkeiten, schwere Route nach den anderen ab.  Alles schien selbstverständlich, easy.  Wir kletterten Routen, wo ich mich vorher nie getraut hätte einzusteigen. Ich musste nicht führen, wäre auch kaum dazu imstande gewesen.  Terzettkamin, Jarakanzel, Kanzelwand,  Alpinakante, Stadler Swoboda Riss, Plattiger Riss. So steht es in meinem Tourenbuch.  Wenn man damals am Peilstein Routen dieser Art klettern konnte, dann war man für die schwierigsten Routen in den Ostalpen und Dolomiten gut vorbereitet, so lange man die Kondition hatte diesen Standard über viele Seillängen durchzuhalten. Viele der frühen Wiener Kletterstars, wie z.B. Fritz Kasparek, Leo Seitlberger oder Walter Phillip, der Erstbegeher der berüchtigten Phillip-Flamm Route in der Civetta,  trainierten ausschließlich am Peilstein. Gingen die berühmte 1000m Wand, eine Kombination von Routen, die in Summe diese Länge ergaben.  

Dann wurde es Winter. Aber unserer Kletterleidenschaft sollte das keinen Abbruch tun. Roland meinte, in den Südwänden könnte man, wenn eine Hochdrucklage vorherrscht, ruhig klettern. Die Stadelwand liegt südlich ausgerichtet. Dort flog ich schwalbengleich. Stürzte ich hinein in die Welt des ernsthaften Kletterns.

Bald danach war aber musste ich zurück nach London. Das sollte meinem Leben eine neue Perspektive geben.   

 

New Topos

 

Kletterer werden enttäuscht sein. Die folgenden Bilder haben nichts mit Klettertopos zu tun, sondern sind bloß Urlaubsbilder. Nämlich von unserem letzten Besuch im Mai in Kreta (wo sonst). Da beschäftigte ich mich mit Topografien im klassischen Sinn, Landschaftsformen, aber vor allem mit Felsen. Diesmal habe ich mich ihnen nur mit Skizzen genähert. Nächstes Mal vielleicht wieder als Kletterer.29177AAD-9F50-4A61-BB29-597B5B1B484E9FA68601-0446-4836-9918-40DDC90FF34F2861BE80-A9D3-47D7-9506-E2CEAB49F9AA2CD6C119-8121-4E0E-B7A7-6AC4326EFA71F41337C5-87F3-4F08-A774-DF22009FA620C1B8614F-E5BE-4244-B5F2-3A7C24CCE3DAC761DBFC-C44F-4435-8CB3-B226CF4BE837264B4BAB-2940-4C00-BF28-7FD0443F3F8635F68568-C77B-4A60-B9E9-957375D1642925116137-529C-4A9E-AEB9-AD2E96879B111CB3CCDD-150F-4C43-805C-A53055E0C1B73CC1834B-B9A6-4124-941E-4DBDA569C9D6

Vom Klettern träumen

Seit längere Zeit führe ich ein Traumtagebuch. Ich versuche dabei immer am Morgen schnell den Traum oder Traumfragmente der vorhergehenden Nacht aufzuschreiben und zu skizzieren. Diese sind oft wüste Skribbles, die nur ich interpretieren kann. Manchmal nehme ich mir mehr Zeit und fertige etwas ausführlichere Skizzen an. Ich habe festgestellt, dass die Träume, die am häufigsten vorkommen, vom Klettern handeln.  Anbei ein paar davon:

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Bald bin ich oben im leichten Gelände. Doch das Seil läßt sich schwer nachziehen. Eine riesige Python hat sich um das Seil geschlungen. Mit letzter Kraft schaffe ich es zum Ausstieg.

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Ich seile mich in eine steile, mit Vegetation bewachsene Schlucht ab. Es geht ein starker Sturm. Oberhalb der Schlucht befindet sich eine Hochspannungsleitung. Ich habe Angst, dass der Wind die Seilenden in die Leitungen bläst.

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Ich irre mit meinem Kletterpartner (ist es Roland Maruna, ist es mein Sohn?) in einem hochalpinen Kar umher. Wir sind angeseilt. Es stürmt. Wir suchen nach etwas. Ist es ein Weg oder der Einstieg zu einer Kletterroute?

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Ich klettere am Meer. Dabei reiße ich einen Felsblock heraus und die ganze Wand bricht zusammen. Ich stürze mit den Felsen ins Wasser.

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Stürze, nachdem mir beim Abseilen der Umlenkhaken ausgebrochen ist, ins Leere. Das Seil, an dem ich mich abgeseilt hatte, ist mehrfach um meinen Arm geschlungen. Neben mir hängt ein rotes Seil. Wenn ich mich schnell dort einhängen kann bin ich gerettet.

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Die letzten Lichtstrahlen fallen über eine unendlich weite Landschaft aus Granitdömen. Es könnte Tuolumne Medows im Yosemite sein, mein Sehnsuchtsort. Ich stehe am Rande eines Abbruches und breite meine Arme aus. Ich fühle mich unendlich glücklich. Am Horizont erscheint das Zifferblatt einer Uhr. Jedoch die Zeiger werden schemenhaft von einer menschlichen Figur dargestellt. Wenn ich meine Arme bewege, bewegen sich die Arme des „Uhrmenschen“. Es muß ein mystisches Zeichen sein. Ich verstehe aber die Botschaft nicht.

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Wir klettern auf einem sturmumtosten Grat in Patagonien. Scharfkantige klare Granitformen und Eisschilder umgeben uns. Plötzlich tritt eine mystische Gestalt von einer der Felskulissen hervor. Sie sieht aus wie ein Zauberer, alles aber an ihr ist spitz, der Bart, die Augen und sie hat überlange Fingernägel, wie der Struwwelpeter. Es muss der Geist dieser Berge sein, der uns vor etwas warnen will!

Madeira Sketch

Erstarrte Lava, steil. Im Norden nebelgraue, schemenhafte Küstenkonturen. Meer und Himmel werden eins. Der Horizont weitet sich jedoch im Süden, wenn die Sonne die bunten Felskulissen anstrahlt. Orte, Häuser kleben an schroffen Flanken, In die Felsen gedrückte Legosteine. Brandung. Gischt hoch hinauf auf die Uferfelsen, tosend. Ins Meer eintauchen  eine Mutprobe für junge Männer. Nur wenige überwinden ihre Angst. Der wilde Osten, Ponta de Sao Laurenco, ein Felsfarbenrausch in Ocker und Grau, ein Standbild aus dem Film der Erderschaffung, als alles im Fluß war. Bergbrocken ohne Tal. Nur der türkise Atlantik umspielt die Sockel. Der dünne Finger, die Halbinsel, weist den Weg. Next Stop Marokko.

Sketches on site, teilweise mit Adobe Sketch nachbearbeitet.

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Once Upon a Climb!

James Skone – einer meiner Lehrmeister (Ein Posting von Walter Siebert).

Ich hatte heute, am dritten Tag des Jahres 2018, das Vergnügen, mit James eine gemütliche Jause zu verbringen.
Ich erinnere mich noch sehr genau, als ich ihn um 1975 das erste Mal sah: Am Peilstein führte er gerade die Teilnehmer eines Kletterkurses der UTA (Das war die Universitäts-Turnanstalt, heute heißt das USI – Universitäts-Sportinstitut. Man sagt, der damalige Direktor wollte es umbenennen, weil seine Frau es überdrüssig war, sagen zu müssen „Mein Mann ist in der Anstalt“).
Ich war jedenfalls von der Arbeit, die James mit Hingabe erfüllte, so inspiriert, dass ich beschloss, auch Bergführer zu werden.
James war Industriedesigner, und er ist der kreativste Mensch, den ich kenne. Eine Autofahrt mit ihm – sagen wir – von Wien ins Altmühltal ist eine Reise in eine unglaubliche Ideenwelt – es ist kein Sprudeln, es ist ein Schwall an Ideen, wo ich lernte, sämtliche Denklimits abzulegen.
Warum schreibe ich Altmühltal? Weil mich James 1981 zum berühmten Kletterertreffen in Konstein mitnahm, wo offiziell das Sportklettern aus der Taufe gehoben wurde und dazu Legenden wie John Bachar eingeladen waren. Ich war somit Dank James bei einigen geschichtsträchtigen Ereignissen. Er war zum Beispiel auch maßgeblich an der Entwicklung des Wasserfallkletterns beteiligt.

James und Erich Lackner bildeten ein unglaubliches Team: Die Ideenwelt von James und die Durchschlagskraft von Erich ließ am USI Wien eine alpine Methodik entstehen, die ihrer Zeit Jahre, wenn nicht Jahrzehnte voraus war. Als junger Bergführer begleitete ich Seilschafrten beim selbständigen Klettern, wo beide Schüler abwechselnd vorstiegen – üblich war damals aber: Der Bergführer steigt mit 2-3 Leuten am Seil vor, und das nennt man Kletterkurs.

Eines Tages kam er mit seltsamen Eisenteilen am schnürl vorbei, die er Klemmkeile nannte. Eine Revolution, vorher gabs ja nur Haken (auf der gesamten Vegetarierkante z.B. nur einen einzigen).
Er hatte die Dinger aus England, wo er einige Zeit gelebt hatte, mitgebracht. James stellte das z.B. so dar:

Damit waren Stürze als Seilerster nicht mehr unbedingt tödlich.
Bald hatte ich das Vergnügen, mit James zu klettern. Legendär waren unsere Ausflüge in den Sandstein: Hinter „Foast mit in Sandstaa“ verbarg sich ein Ausflug ins ungesicherte Unkletterbare. Hier im Bild mit seiner Frau Krista, muss Ende der 1970er gewesen sein ….

Ein einschneidendes Erlebnis war, daß ich bei einem Riss, der nicht einmal den obersten Schwierigkeitsgrad trug, nicht einmal vom Boden abhob – und das Ding war 60 Meter hoch mit einem einzigen Ring in der Mitte.
Der Turm heißt übrigens Rakev – „Sarg“.
In diesem fast 40 Jahre alten Super-8-Film sieht man James und mich im Sandstein.

Dass ich dann, motiviert intensiv Rissklettern trainierend, 8 Jahre später alle diese Risse geklettert bin, verdanke ich diesem denkwürdigen „Fail“, den es nicht gegeben hätte, hätte mich James nicht mitgenommen.

James hat die Kletterszene am Peilstein aufgemischt und einige Durchbrüche erzielt. Vorstöße in den 7ten Grad gingen auf sein Konto.
Dass dabei der Spaß nicht zu kurz kam, ist glaube ich auf dem Bild oben gut zu erkennen.
Ein Glanzstück finde ich immer noch den Pan Galactic Gargle Blaster. Hinter dem seltsamen Namen verbirgt sich die Wiener Antwort auf den Drogenkult im Camp 4 im Yosemite Valley:
Dort lasen die Kletterer Carlos Castaneda, rauchten sich ein und benannten ihre Erstbegehungen nach Castanedas Buchtiteln (Separate Reality, Tales of Power usw.). James` Antwort war: „Wir lesen den Hitch Hikers Guide to the Galaxy und ich nenne den ersten Achter am Peilstein nach dem Kultgetränk des Romans „Pan Galactic Gargle Blaster“. Weil wir nehmen keine Drogen sondern gehen zum Heurigen.“
James als Engländer konnte den Wiener Schmäh sehr treffend umsetzen.
Das waren nur ein paar Mosaikksteinchen des Einflusses, den James auf mich hatte. Ich war ja durchaus geprägt von der „Siegen oder Sterben“-Heroik. James gab mir einen deutlichen Schubs in eine Leichtigkeit, die mir sehr guttat.
Dafür und für alles, was ich von Dir gelernt habe, möchte ich mich mit diesem Artikel bedanken.

3.Januar 2018

walteraufreisen.blogspot.co.at