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Flüg(g)e werden

„Plötzlich sausten große Felsbrocken durch die Luft auf mich zu.  Irgendwie hab’  ich’s g’schafft den Karabiner in meine Standsicherung wieder einzuhängen,“ meinte später Christl meine Seilgefährtin.

Das hatte uns beiden das Leben gerettet.

Denn kurz danach erschien ich auf der Bildfläche. Kopfüber ins Leere stürzend, mein weißer Leinenanorak wehte im Fallwind. Laut Christl: „Wie eine Schwalbe hast ausg`schaut.“ Ich stürzte 60m in die Tiefe und drehte mich im Seil hängend  bewusstlos unter einem Überhang.

Ort des Geschehens war der Brunnerweg in der Stadelwand am Schneeberg bei Wien an einem eisigen Jännertag 1964. Was war passiert?  Zwei alpin unerfahrene – fast noch – Kinder, Christl war fast siebzehn, ich gerade erst fünfzehn, befanden sich knapp unterhalb des Ausstieges aus der fast 400m hohen Wand. Ich war als Seilerster gerade beim letzten Standplatz angekommen und hatte leichtsinnig „Stand“ gerufen, ohne mich selbst am Felsen fixiert zu haben. Meine Seilgefährtin öffnete daraufhin ihre eigene Standsicherung 30m unter mir,  als ein Block, auf dem ich stand, ausbrach und ich so meine Luftreise begann. Bewusst jedoch erlebte ich diese nur 10m. Der erste Aufschlag mit dem Kopf (durch einen Helm geschützt), veränderte mein Bewusst „-sein“ in ein befreiendes „-los.“

Da das Felsgelände leicht war,  hatte ich keine Sicherungen angebracht, um einen eventuellen Sturz zu verkürzen. So stürzte ich die 30m Seillänge, die ich mich über dem Stand meiner Partnerin befand, dann noch einmal weiter unter ihrem Standplatz, das ergab 60m. So spektakulär dieser Unfall klingt, so glimpflich war der Ausgang.  Zufällig waren an diesem Wintertag noch Freunde auf dem Richterweg, der Nachbarroute, bzw. am Fuß der Wand unterwegs, die uns aus dem Schlamassel befreien konnten und uns nach stundenlangem Abseilen über die Wand in Sicherheit brachten. Auch unsere Verletzungen waren relativ bedeutungslos, angesichts des möglichen letalen Ausgangs dieses Unfalls. Ich hatte zwar anscheinend eine Verletzung der Schädeldecke davongetragen (Die Delle habe ich noch heute), aber der maß man im Krankenhaus Neunkirchen (das zu der Zeit gerade bei Unfällen ein gewisses „Renommee“ bzgl. der Behandlungsqualität hatte), wenig Bedeutung zu. Einer meiner Lendenwirbel war gebrochen, dies war schmerzhaft, aber ohne ernsthafte Folgen. Christls Verletzungen waren, ohne dass sie gestürzt war, eher unangenehm. Das Seil war ihr, beim Versuch meinen Sturz zu halten, ins Gesicht geschlagen und hatte ihr einen Zahn ausgeschlagen, bzw. eine Fleischwunde verursacht.

Wir träumten davon in den Bergen eine Sinnalternative zur braven Kleinbürgerlangeweile der Nachkriegsjahre zu finden. Wir wollten weg von der Fremdbestimmung durch Schule oder Lehre. Wir wollten ganz einfach „raus“, um wenigstens am Wochenende unser Leben selbst gestalten können. Kletterabenteuer gaben uns dann wieder Stoff für Tagträume, die zumindest bis zum nächsten Wochenende reichen sollten. Es war aber mehr als Adrenalin, das uns high machte, sondern das gemeinsame Erleben, das „draußen“ sein.  Mit allen Sinnen zu spüren: Das Flüstern des Windes im herbstlichen Laub und sein föhniges Brausen durch den Föhrenwald,  den bitter modrigen Geruch der Kalkfelsen nach der Schneeschmelze, die Nadelstiche des Alpingrases auf den Händen. 

Klettern war zu dieser Zeit noch nicht cool, so wie heute. Die Bergsteiger und Kletterer, die sich der Schwierigkeit und vor allem Gefährlichkeit alpiner Wände aussetzten, sahen sich aber selbst gern als „wilde Hunde“, da sie sich außerhalb der bürgerlichen Wertewelt bewegten und gefährlich lebten.  Von anderen wurden sie aber gerade deshalb misstrauisch als Eigenbrötler und Freaks gesehen. Es gab materiell nichts zu gewinnen, nur bei jedem bewältigten Abenteuer sich selbst und die Naturelemente mit allen Sinnen zu spüren, kurzzeitig euphorisch zu leben. Öfter als es uns bewußt war, hatten wir damals im jungendlich-naiven Glauben unverletzlich zu sein, das Glück gehabt diese Zeit zu „über“leben. Fröhliche Kinder bei einem gefährlichen Spiel.

Ich lebte bei meiner Oma in Wien, die familiären Umstände wollten es so. Meine Mutter hatte die Idee mich in die Jugendgruppe „Unsere Jüngsten“ bei der Sektion Edelweiß des Alpenvereins zu bringen. Sie hoffte, dass ich bei Spiel und Wanderungen als Einzelkind in einer Gruppe sozialisiert würde,  und in den Bergen mit Gleichaltrigen „in der Natur“ wäre. Da war ich gerade neun Jahre alt. Oma machte aber leider den Fehler in mir heroische Gefühle wachzurufen. Sie ging mit mir regelmäßig in die Urania, um neueste Filme über die erfolgreichen Himalayaexpeditionen anzusehen. 

Im Gedächtnis geblieben ist mir dabei vor allem der Film von der Erstbegehung des K2 durch die Italiener 1954. Für mich waren diese Männer Helden. Ich wollte auch Bergsteiger werden. Dazu kam, dass die frühen Wiederholungsversuche der Eiger Nordwand mit all den tödlichen Unfällen in den Zeitungsmedien und in den Wochenschauen der Kinos dauernd präsent zu sein schienen. Vor allem das Corti-Longhi Drama 1957 ist mir im Gedächtnis geblieben, wo beide Italiener in der Wand verunglückten, Claudi Corti aus der Wand gerettet wurde und die Leiche Stefano Longhis zwei Jahre in der Wand hing, bevor sie unter beträchtlichem Aufwand geborgen wurde. Diese Dramen waren in meiner Phantasie zu Leben gewordene Rittergeschichten, Heldensagen von heute. Edelmütige, furchtlose Männer im Ringen mit der Nordwand. Der Berg stellvertretend für den zu erlegenden Drachen. 

Ganz in der Nähe unserer damaligen Wohnung in der Kölblgasse befand sich in der Fasangasse eine Städtische Bücherei. Da ich als Bub Bücher zu verschlingen schien, trug mich meine Oma dort ein. Der Bibliothekar schien mich ans Herz geschlossen zu haben. Nachdem ich alle verfügbaren Märchen- und Sagenbücher gelesen hatte, und ein paar „Jugendbücher“, deren Geschichten mir aber zu konstruiert erschienen, schlug er mir Bücher über Sport vor, davon habe er genug. Natürlich interessierte mich alles übers Bergsteigen. Wie die Raupe Nimmersatt habe ich mich dann durch alle in der Bücherei verfügbaren Bergbücher gefressen. Vor allem aber, wie wahrscheinlich vielen jungen Wiener Bergsteiger der späten 1950er Jahre, hatte es mir Karl Lukan angetan. Er konnte, wie kein anderer, mit Sprachwitz und dem zu der Zeit typischen Understatement der Wiener Kletterszene mich so faszinieren, dass ich Bücher wie: „Wilde Gesellen vom Sturmwind umweht“ oder „Gelbe Wand am grünen See“ an einem Nachmittag auslas. Ein kleines, rührendes Detail am Rande: Der Bibliothekar hatte ein körperliches Gebrechen, das ihm das Gehen und das Greifen schwer machte. Just er war es aber,  der Freude daran hatte mich mit Sportbüchern zu motivieren. Natürlich habe ich so ziemlich alles an Bergbüchern gelesen, die es damals gegeben hatte. Bücher von Fritz Kasparek, Hermann Buhl, Hans Ertl, Leo Maduschka, Kurt Maix usw. und auch Bücher von internationalen Größen, deren es aber in der Bücherei nicht so viele gab. Georges Livanos oder Lionell Terray als Autoren sind mir dabei noch im Gedächtnis geblieben. Durch die Lektüre wurde ich immer mehr von den Alpen und vor allem dem Klettern angezogen. Am Himalaya verlor ich dann Interesse, da mir damals die Expeditionsberichte als langweilige Beschreibung von „Truppenbewegungen“ auf Flanken hoher Berge erschienen.

Bei der „Jüngstengruppe“ gingen wir unter Obhut unserer alpinen Ziehmüttern, Lisl Mandl und Gretl Schneider und einer Gruppe gleichgesinnter Kinder jeden Sonntag in den Wiener Wald oder verbrachten gemeinsam Sommer-, Winter- oder Oster“lager“ in den heimischen Bergen. Das oft stundenlange Gehen im steilen Berggelände war wahrscheinlich die Grundlage meiner späteren Ausdauer beim Laufen. Wir waren immer gemeinsam unterwegs. Dabei war das Wohlergehen der Gruppe wichtig. Ich lernte auf andere Rücksicht zu nehmen und meine eigenen Wünsche gegebenenfalls denen anderer unterzuordnen.  Als edler Ritter habe ich so manchen Rucksack der Mädchen mitgetragen. Solidarität, aber wir nannten es damals „Kameradschaft“. Wandern war ok, aber eigentlich wollte ich KLETTERN. 

Mit neun wurde ich zum ersten Mal ins Seil geknüpft.  An der Luther Wand bei Rodaun. Ich war nicht besonders stark und musste manche Wandstellen mehr mit Willenskraft meistern, als durch Können. Außerdem gaben mir die „Kasparek“ Rauhleder Kletterschuhe, die für alles andere zu gebrauchen waren, nur nicht fürs Klettern, nicht den gewünschten Halt.  Auf meinem ersten Sommerlager, der Ursprungalm in den Radstädter Tauern, kletterten wir auf den im Tal liegenden hohen Blöcken herum. Bouldern hieß dies später im Yosemite. Für uns war es noch ein mit Seil gesichertes Kinderspiel.  

Ein paar Jahre später gingen wir bereits selbstständig klettern. Treffpunkt am Sonntag um 9Uhr Endstelle der Straßenbahnlinie 60 in Rodaun. Von dort aus wanderten wir von einem Kletterfelsen zum nächsten. Ein Bouldermarathon, sowohl gemessen an der Gehdistanz zwischen den Felsen wie an den Klettermetern. Zuerst z.B. marschierten wir nach Kaltenleutgeben zur Waldmühle, dann im Wald weiter hinauf zu den Streberwänden, von dort hinunter zum Kaltenleutgebener Grat und wenn wir bis dahin noch nicht total erschöpft waren, besuchten wir am Rückweg entweder noch die Götterplatte oder die Mitzi Langer Wand. Es gab aber obskure, heute komplett überwucherte Felsen, die wir kannten, wie das Elefantenohr, den Einserturm, den Predigerstuhl oder einen Felsen mitten im Wald in der Nähe des Kreuzsattels bei der Norwegerwiese, der noch nie in einem Wienerwaldführer Beachtung fand. (Wahrscheinlich wegen des „Zustiegs“ von fast 2 Stunden von Rodaun). Oft war ich mit Michael Woditsch alleine unterwegs, die Kletterfelsen waren jedoch meist auch von anderen gut besucht. Denn wenige hatten schon ein Auto oder das Geld, um am Sonntag weit zu fahren. Bis Ende der 1960er Jahre mußte noch 45 Stunden die Woche gearbeitet werden, da war für die meisten nur Samstag Nachmittag und Sonntag frei. Oft verbrachten wir unsere Zeit unter dem Schattendach der Buchen und Föhren in der so genannten „Waldmühle“, kaum 15m hohe Felsen. Aber, wie alle Wände im Wienerwald, Steine mit Geschichte. Hier sind sie alle geklettert, unsere Kletterheroen. Mehr jedoch als ihre Namen, sind es die Routennamen die Mythen nähren. Als Graffiti an den Felsen heute nur noch zu erahnen. „Wiener Lehrer Überhang“, „Mephisto“, „Schmierseifenverschneidung“, „Pongo Überhang“ waren Teststücke unserer Jugend. Ich erinnere mich wie oft ich am tückischen Quergang des „Seufzers“ gescheitert bin, bis ich den richtigen Bewegungsablauf herausbekommen hatte. Gesichert wurde „von oben“, dabei wurde das Seil um den nächstbesten Baum geschlungen. Heute nennt man das „Top Rope“ und benötigt zur Umlenkung mindestens einen Bohrhaken.  Die Schwierigkeitsangaben der Routen damals waren sehr diffus. Es hatte den Anschein, dass sich die oberste Grenze ungefähr um den fünften Schwierigkeitsgrad bewegte, auch wenn die Könner dabei am absoluten Limit kletterten. Der sechste Grad, die oberste Schwierigkeitststufe, passte nicht zum inszenierten Understatement. Fürs Selbstvertrauen eines Kletternovizen nicht förderlich. In Wirklichkeit gab es nur drei, nennen wir sie: „Zonen“, nämlich „E-Leicht“, „Scha-wah“ und „Da-ünn“. Letzteres bedeutete einen Grenzgang in der Todeszone. Nicht wegen des Sauerstoffmangels (wie im Himalaya), sondern weil die Chancen groß waren runterzufliegen. Alles ausgesprochen im gedehnten Meidlingerisch, eine Art Hardcorewienerisch.

Dieser Duktus in Verbindung mit einer auf der Unterlippe baumelnden „Dreier“ trug zur coolen Erscheinung eines wilden Hundes bei. Der Rauch einer „Dreier“, des herben, unparfumierten Balkantabaks dieser billigen, damals noch filterlosen, Zigarettensorte, war der Duft des Kletterns, genauso wie die nach Pisse, Schweiß und Moder riechenden Hanfseile, mit denen wir noch kletterten. Alle Kletterer schienen damals zu rauchen. Tabak, Hanf war nur Sicherungsmittel. (Perlonseile waren aber im Kommen).  

 In den Streberwänden traf ich eine Gruppe junger Kletterer, nur ein wenig älter als ich. Sofort stellte ich fest: Das waren Profis. Sie hatten die Attribute der „Echten“, nämlich Hammer, Haken und Trittleitern. Damit versuchten sie einen Überhang „in künstlicher Kletterei“ zu bezwingen, das heißt, indem sie Haken in die kleinen Felslöcher und -ritzen trieben, eine Trittleiter dort einhängten und darin hochstiegen. So wie ich es in den Büchern gesehen hatte. Wie es anfangs der 1960er Jahre aktuell war. Die Dolomitenwände wurden in diesem Stil,  in der Direttissima, also der Direktlinie bezwungen. Hier traf ich Roland Rochefort. Er erschien mir wie eine Lichtgestalt des Kletterns. Er war der Motor dieser Gruppe. Sie waren auch vom Alpenverein, aber von einer anderen Sektion, der „Austria“, einer Gruppe unter Leitung von Horst Meinharter. Dort musste ich hin. Das sollte meinem Leben einen neuen, wichtigen Impuls geben. 

Beim nächsten Heimabend am Donnerstag ging ich auf Roland zu. Heimabende waren die analoge, physische Frühvariante von Facebook. Da trafen sich die Kletterer und „machten sich“ fürs Wochenende „was aus“. Oder erzählten über ihre Heldentaten vom letzten Wochenende. Der Vereinsraum wurde zum „Hub“ zum Kommunikationsknotenpunkt.  Alles live, manchmal performativ („ Da musst dann weid umispreitzen und dann host an Griff“)  imaginär im Luftkletterstil dargestellt, und für mich das wöchentliche soziale Highlight. Nur manche hatten Autos („nimmst mi mit?“) und einige noch kein Telefon. Computer gab es noch nicht einmal als allgemein gebräuchlichen Begriff. Und virtuell waren höchstens die Träume, die uns Stoff für Kletterabenteuer lieferten. 

Roland war etwas später gekommen. Direkt von der Tischlerei, wo er seine Lehre absolvierte. Wie sehr beneidete ich ihn um seine mit Leim verklebten Hände, die sich freundlich weich anfühlten, trotz starkem Händedruck. Sie zeugten von Praxis, von ehrlichem Handeln, alles, das ich in der Schule vermisste. Er war eher klein und feingliedrig, und hatte einen schwarzen Haarschopf mit einem breiten Gesicht, dass wenn er lächelte noch breiter wirkte. Er trug (den schien er immer zu tragen) einen coolen schwarzen Schlupfanorak aus festem Baumwollstoff. Irgendwie hatte er Stil. Ich war neu in der Runde und fühlte mich unsicher. Ich musste mich sehr überwinden, um Roland zu fragen, ob er mit mir klettern würde, war er doch fortgeschrittener und ganz sicher besser im Klettern als ich. Aber scheinbar bewegten wir uns auf einer ähnlichen Wellenlänge, wir mochten uns. Roland fragte mich, ob ich Lust hätte mit ihm auf den Peilstein zu fahren. „Sonntag um 6.00 in Meidling ?“ Bahnhof versteht sich, diesmal nicht Autostop, wie damals üblich, da die Autoverbindung in diese verlassene Ecke des Wienerwaldes in den Zeiten vor Errichtung der Südautobahn schlecht waren. In der Holzklasse ging es dahin, bis Weißenbach-Neuhaus. Dann ein einstündiger flotter Fußmarsch zum Peilsteinhaus. 

Rasch. Powerwalking sozusagen. Je schneller wir bei den Wänden waren, desto mehr konnten wir klettern. 

Zeit war sozusagen Klettern. Es war ein nebliger Novembertag. Die westseitigen Peilsteinwände, im Herbst sowieso schon meist im Schatten, steckten noch dazu in der grauen Suppe. Kein Mensch da. Wir stiegen ins Cimony Couloir ab und in die Vegetariakante ein. Einer meiner Träume sollte in Erfüllung gehen. Die Vegetariakante! Ein echter Vierer.  Damals war ein Peilsteinvierer nämlich schon der Eintritt in die obere Kletterliga. Wie alle Peilsteinrouten damals praktisch ungesichert. 70m davon mit nur einem kleinen Eisenkreuz als Stand und einem einzigen Sicherunghaken in der zweiten Seillänge. Da Roland nur ein 30m langes 9mm Halbseil hatte (das eigentlich nur in Verbindung mit einem zweiten Seil einen Sturz des Seilersten aushielt), mussten wir die Route, die sonst in zwei Seillängen geklettert wird, in drei Seillängen klettern. Den zweiten Stand machten wir an dem genannten Haken, der eigentlich nur als Zwischensicherung gedacht war und nicht als Standfixierung.  Aber Stürzen wurde sowieso nicht in Betracht gezogen, also was soll’s. Da sollte es auf die Seildimension oder die Qualität des Standhakens auch nicht ankommen. Außerdem war Roland sonst am allerletzten Stand der Alpintechnik. Er hatte 20 Stück echte „Aahleu“ (das ist Meidlingerisch, korrekt: „Allain“, etwas nasal ausgesprochen, von Pierre Allain dem Französischen Erfinder). Diese waren die ersten Aluminiumkarabiner, die dazu dienen, das Seil in Sicherungshaken einzuhängen. Bis dahin waren Karabiner aus Eisen geschmiedet. Schwer und nur gering belastbar. Dazu besaß er viele Sicherungsschlingen aus Perlon (die Deutsche Variante von Nylon) und, was mich am meisten beeindruckte, selbst angefertigte „Holzbackln“ (Übersetzt: Holzkeile), Keile für breite Risse, anstatt Mauerhaken. Das waren Kunstwerke, Skulpturen, Designobjekte in verschiedenen Formen und Größen. Manche exzentrisch ausgeführt, damit sie sich beim Eindringen in den Riss drehen und sich so besser verkeilen. Dazu Trittleitern mit Holzsprossen, natürlich selbst entworfen und hergestellt. Was mich aber am meisten beeindruckte, war, dass aus seiner Knickerbockerhose (schmal geschnitten, eine abgeschnittene beige Skihose) unten zwei Wadeln rausragten, die genauso dünn waren wie meine. In Österreich war der Durchmesser des Unterschenkels immer Ausdruck alpinistischer Männlichkeit gewesen. Endlich konnte ich mich meiner Komplexe entledigen. Außerdem war es möglich den mangelnden Wadelsexappeal durch dicke weiße oder graue Wollstutzen zu kaschieren. Rote Wadelstutzen trugen hingegen, unserem Verständnis nach, nur Schwammerlsucher und Möchtegernbergsteiger meist in Kombination mit einem abzeichenbeschwerten Filzhut im Luis Trenker Look. Die war die unterste alpine Kaste, quasi unberührbare von der Warte der Kletterer aus.  Ein ganz zentrales Kennzeichen des wirklichen Nordwand Profis waren seine Bergschuhe. Diese mussten nämlich durchgescheuerte Oberleder vorne bei den großen Zehen haben. Warum? Damit signalisierte man tagelangen Kampf im steilen Fels, nur auf Trittleitern gegen den Fels schabend, endlose kalte Biwaknächte und somit grenzenlose Heldenhaftigkeit. Unter dem Motto: Ich zeig Dir meine Zehen und Du sagst mir wo ich war! (geklettert bin). Roland hatte solche Schuhe. Ich musste hingegen noch lange an diesem Image scheuern. 

Die Vegetariakante gingen wir noch in grau. Dann, plötzlich, wie ein Foto im Entwicklerbad, erschienen die Konturen der uns umgebenden Wände, bleich zuerst, dann klar, farbig, sonnig. Der Nebel war verpufft. Dieser Tag wurde für mich zu einem Schlüsselerlebnis im Klettern. Wir spulten eine, für meine damaligen Fähigkeiten, schwere Route nach den anderen ab.  Alles schien selbstverständlich, easy.  Wir kletterten Routen, wo ich mich vorher nie getraut hätte einzusteigen. Ich musste nicht führen, wäre auch kaum dazu imstande gewesen.  Terzettkamin, Jarakanzel, Kanzelwand,  Alpinakante, Stadler Swoboda Riss, Plattiger Riss. So steht es in meinem Tourenbuch.  Wenn man damals am Peilstein Routen dieser Art klettern konnte, dann war man für die schwierigsten Routen in den Ostalpen und Dolomiten gut vorbereitet, so lange man die Kondition hatte diesen Standard über viele Seillängen durchzuhalten. Viele der frühen Wiener Kletterstars, wie z.B. Fritz Kasparek, Leo Seitlberger oder Walter Phillip, der Erstbegeher der berüchtigten Phillip-Flamm Route in der Civetta,  trainierten ausschließlich am Peilstein. Gingen die berühmte 1000m Wand, eine Kombination von Routen, die in Summe diese Länge ergaben.  

Dann wurde es Winter. Aber unserer Kletterleidenschaft sollte das keinen Abbruch tun. Roland meinte, in den Südwänden könnte man, wenn eine Hochdrucklage vorherrscht, ruhig klettern. Die Stadelwand liegt südlich ausgerichtet. Dort flog ich schwalbengleich. Stürzte ich hinein in die Welt des ernsthaften Kletterns.

Bald danach war aber musste ich zurück nach London. Das sollte meinem Leben eine neue Perspektive geben.   

 

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