Wildes Voutas

Samstag 06.05.17

Filmriss. Ausstieg aus der bisher gelebten Realität, hinein in ein persönliches Separate Reality. Aus der Euphorie, eine nahezu zum Klettern ideale, unbekannte Felslandschaft entdeckt zu haben („Die wilden Wände von Voutas“), wurde ein ernstes Abenteuer.

Ein trügerischer Griff, nur wenige Meter oberhalb des mit Blöcken durchsetzten Einstiegs, knackte ab, wie ein Keks, wie Windbäckerei. Konnte mich nicht halten, hatte links keinen Griff, wozu auch, es war eine leicht zu kletternde Platte, easy, seniorentauglich, ein Aufrichter bloß. Hatte sogar vorher noch zwei nebeneinander liegende Sanduhren gefädelt, aber bereits zu weit unten. Rutschen, dann mehr ein Sprung als ein Sturz, ohne Felsberührung. Dann ein Geräusch, wie wenn man in Zwieback beißt. Ich war unten. Kein lauter Schmerz, alles dumpf. Im Kopf jedoch „Alarm“, ich war im höchsten Erregungszustand. Check: Rechter Fuß scheinbar OK, linker Fuß, X- Fuß extrem, abwärts gebogen, nach innen weisend, ziemlich blutend. Komisch, dass was der Knöchel sein sollte, schien auf den Rist gedrehten worden zu sein. Krista´s Gesichtsausdruck war der Maßstab für den Ernst der Lage. Holzschnittartig, maskenhaft in seinen Zügen erstarrt, Ausdruck des Wechselspiels von Angst und Selbstkontrolle.

Nun eher automatisierte Handlungen, es wurde uns bewusst, wie sehr wir nun auf uns selbst angewiesen sein werden, da wir uns weit abseits von dem befanden, das man einigermaßen Zivilisation nennt, mitten in einer Landschaft aus schroffen Felsen und stacheliger, kniehoher Vegetation. Eine Ansammlung von ein paar Häusern, Voutas, lag einige Kilometer talabwärts, dort in der Nähe hatten wir unser Auto geparkt. Auf der gegenüberliegenden Talseite befand sich eine schmale Bergstraße, wo gelegentlich ein Auto fuhr, zu weit aber, um uns wahrzunehmen. Krista begann den blockigen, buschdurchsetzten Hang hochzusteigen, sie musste Hilfe holen. 100 m ober uns befand sich ein von einem Bulldozer ausgebaggerter Weg. Zuerst band sie zur Sicherheit meinen Unterschenkel mit einer Bandschlinge ab, um einem ev. starken Blutverlust vorzubeugen. Wer wird uns retten? Wie würden die Retter mich durch dieses unwegsame Gelände transportieren? Es gibt ja hier keine „Berg“Rettung. Jeder Meter, den ich meinen möglichen Rettern entgegenkommen würde, wäre gewonnene Zeit und ein verminderter Aufwand. Ich versuchte Krista nachzusteigen, und zu meiner Überraschung: es ging! Mit dem linken Knie aufstützen, mit dem rechten Fuß hochsteigen. Krista legte mir die Rucksäcke auf die Steine, damit ich darauf knien konnte. Die Landschaft zwang mich nun zu Boden, wie einen angeschlagenen Boxer. Ich wollte mich aber nicht auszählen lassen. Im flacheren Gelände musste ich ausschließlich auf Knien dahinrobben. Some pain (dumpf im Adrenalinrausch), some gain. Schwächewellen überrollten mich, dazu die Erkenntnis: „Das ist kein Film, kein böser Traum, sondern Realität!“ Sonne, heiß, ein Schluck Wasser, der Schwächefetzen zog vorbei. Flacher nun, nicht weit vom Weg. Ich hüpfte wie ein einbeiniges Känguru mit Kristas Hilfe zu einem Felsblock. Zum Glück hatte Krista mit ihrem Handy Kontakt zu unserem Freund und Hotelbesitzer Poly, ca. 10 km entfernt. Der meist ausgezeichnete Netzkontakt auch in völlig einsamen Gebieten in Kreta hatte uns vor Schlimmerem bewahrt. Poly kennt aber die Berge nicht. Krista beschrieb ihm detailliert unsere Position. Nach einer Stunde, nachdem er sich schon verfahren hatte, müht sich sein kleiner Renault über den Baggerweg.

Er kam alleine. Zum Glück hatte ich es mit Kristas Hilfe bis hinauf geschafft. Wieder wurde mir ins Bewusstsein gerufen: Hier in Kreta bist Du als Kletterer alleine, Du bist E I G E N V E R A N T W O R T L I C H! Passiert Dir was, dann kommt kein Hubschrauber, keine Bergrettung. Alle Entscheidungen, die du fällst, können deine Ideen in die Realität umsetzen, aber auch ernste Konsequenzen haben. Kreta ist Synonym für Strand, Sonne, Meer. Aber bereits wenige Kilometer von der Küste entfernt im Land, abseits der Touristenpfade, bewegt man sich in einer einsamen, schroffen Wildnis, wo man als Bergsteiger oder Kletterer noch Pionier ist. Das ist der Reiz an dem Abenteuer, das wir hier schon seit ein paar Jahren suchten.

Poly führte uns zu unserem Leihauto. Nun nach Chania ins Spital. Dort wurden wir schon erwartet. Ich bewunderte die Ruhe, mit der Krista die engen, kurvigen Bergstraßen fuhr. Es sollte noch zweieinhalb Stunden dauern, bis wir angekommen sind. Nur ja nicht die Schmerzen überhand nehmen lassen. Sie ließen sich nun nicht mehr verdrängen. Einige Zeit hatte ich das Gefühl, dass  mir noch meine Erfahrungen bei den ultralangen Laufbewerben ein wenig zugute kamen. Hier lebst Du ab einer gewissen Distanz auch mit Muskel- oder Gelenksschmerzen, die oft in Wellen kommen, ich lernte sie anzunehmen. Auch die Endorphine schwächen bei den Ultras vieles ab. So  versuchte ich nun ruhig meinen Zustand zu tolerieren, wissend, dass bald Hilfe da sein würde. Aber die dämpfende Wirkung des Schocks ließen nach, irgendwann begann ich die Kilometer zu zählen. Wie bei einem Lauf. Nur mehr … km bis ins Ziel. Wann kommt die nächste Kilometerangabe? Minuten wurden zu Stunden. Irgendwann waren wir da. Nun begann ein neues Kapitel. Ich trat in einen Tunnel ein, wo das Ende nicht sichtbar ist…

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Am Einstieg

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Am Grat

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Knackpunkt

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Kurz vorm Sturz. Habe gerade Sanduhren gefädelt. Von dort ging es dann diagonal nach rechts hinauf Richtung Kante. (Na ja, vielleicht war die Stelle doch mehr als 3). Die Kante habe ich nicht mehr erreicht.

Ein Gedanke zu “Wildes Voutas

  1. Lieber James , du hast das Wunder für dich ermöglicht und Kairos an seiner Stirnlocke
    gepackt um deine katastrophale Situation zum Guten zu wenden. Bin ich froh!!!
    Die „Schulung“ des 24 Std Laufes und viele andere Faktoren, wie keine Energie für Verzweiflung zu verschwenden waren sicher sehr wertvoll.
    Krista und du habt Flügeln bekommen.
    Fühlt euch beide umarmt

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