Die Wand mit Wendelin

Aufstieg

 Bis weit hinaus Feldkaros in stumpfen Brauntönen und feinem grün, die Wintersaat geht auf. Landschaftsdesign entstanden aus bäuerlicher Planung. Der Horizont ein milchiges Verfließen der Konturen im spätherbstlichen Dunst. Himmel und Erde werden eins. Die Wand bildet heute einen wärmenden Reflektor der nun schüchtern gewordenen Sonne. Nur wenige hundert Meter landauswärts herrschen bereits Minusgrade. Klettern an diesem Ort, zu dieser Zeit bietet ein Spätherbstvergnügen für eingeweihte, denn an manchen Tagen, wenn in Wien Nebel herrscht, scheint auf der Hohen Wand die Sonne. Hemdsärmelig klettern kann man dann.

Dabei steigen wir mehr als klettern. Es ist ein ausklingen lassen. Das Jahr setzt sich zur Ruhe und auch ich finde nun Vergnügen an unangestrengten Bewegungen im leichten Gelände. Dabei vermischt sich Wald mit Fels in oft abenteuerlicher Weise.

Zuerst kompakter Kalk mit Briefschlitzgriffen. Dann eine Wanderseillänge von einer Wand zum nächsten. „Mama der Mann mit dem Koks ist da“, sang einst Falco. Damit meinte er aber einen anderen Brennstoff, als der, dem das Gestein ähnelt, welchem wir nun begegnen. Felserdgelände mit labilem Charakter. Griffe und Tritte erfordern einen empathischen Umgang mit ihrem „wackelmütigen“ Charakter. Sanfte Handhabung und vorsichtiges Betreten ersparen einen unfreiwilligen dynamischen Abstieg.

Zur Beruhigung folgt ein Plattenwald, oder Waldplatten, wo schwarze Textilreste, so genannte Sanduhrschlingen, mir den Weg weisen. Nun kombiniertes Voralpengelände: Gefrorene Erde mit aufgetauter Oberfläche und Laubstreusel. Ich lege eine flotte Sohle hin und klettere im Gleitschritt. Manchmal – Ein Bohrhakenblitz! Edelstahl schafft Vertrauen und hilft der Orientierung.

Mein Partner Wendelin ist Meister in diesem Gelände (aber auch steilerer, schwerer Fels ist ihm vertraut). Er kennt sie alle, die Wände, Grate und versteckten Gräben. Wir haben uns wieder gefunden nach all den Jahren. Damals waren wir auf der Suche nach alternativen Lebenszielen, abseits vom langweiligen urbanen Leben und den kleingeistigen Wertvorstellungen der Nachkriegszeit. Im Klettern wurden wir beide fündig. Die Interessen entwickelten sich dann weiter und es bildeten sich andere Lebensschwerpunkte. Klettern hatte jedoch einen maßgebenden Einfluss auf mich und meinem lebenslangen Lernen. „Learning by doing“. Mit entsprechender Reflexion ist Erfahrungslernen die am tiefsten wirkende Lernform. Klettern fordert Herz, Hand und Kopf. Diese Erfahrungen sind nachhaltig. Nun, im Zustand einer gereiften Lebensperspektive bereitet es Vergnügen beim Klettern zu philosophieren, besser gesagt tiefgründig zu scherzen oder „schmäh“ zu führen. Es ist ein Privileg mit Wendelin zu klettern. Ich erweitere dabei meinen geistigen Horizont. Wendelin hält beim Klettern inne, ruft mir ein paar Meter über dem Stand einen Gedanken zu, oder eine Idee oder eine Frage. Manchmal fällt mir sofort etwas dazu ein, oft jedoch bin ich genötigt beim Nachklettern ein Kommentar dazu auszudenken. Die Endorphine leisten dabei ihren Beitrag. Der Geist wird durch die Bewegung wach und lässt Ideen frei werden. Nicht immer. Es gibt schwere Routen, da fließen Ideen dann verkehrt proportional zur Schwierigkeit des Kletterns. Unter dem Motto: Je steifer die Finger desto Krampf im Hirn.

Ausstieg

 Oben sein ist heute anders als früher. Damals galt es ein Ziel zu erreichen, sich selbst zu bestätigen, die Angst zu überwinden und den Schwierigkeiten zu trotzen. Ich wollte meine Identität finden. Nun  sollte es nur ein schönes Erlebnis sein. Meine Ansprüche sind kleiner geworden. Die Freude beim Klettern jedoch ist gleich geblieben. Auch nun im Lebensabstieg erfreue ich mich der Gegensteigungen. So lange sie kurz und überschaubar sind.

Abstieg

 Frostig ist es nun im Schatten der Felskulissen. Hinunter wieder, einklinken in das Getriebe, in die zunehmend virtueller werdende Realität des Tastendrückens und Wischens. Im Winter versteckt sich die Sonne in der Hosentasche, der Lichtschein des Smart Phones dient als elektronischer Ersatz.

Warten auf den Schnee.

Bald werden die Tage länger.

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Wilde Völlerin, Ausstieg Pensionistengrat

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Postlgrat

James G. Skone

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